Gender Pay Gap: Wie die Lohnlücke berechnet wird und wie man die Zahlen liest
Der Gender Pay Gap in Deutschland ist laut Statistischem Bundesamt (Destatis) von 18 Prozent im Jahr 2023 auf 16 Prozent im Jahr 2024 gesunken. Der Rückgang war damit so stark wie noch nie seit Beginn der Berechnungen 2006. Diese Zahl macht Schlagzeilen, sagt aber wenig aus, solange unklar ist, wie sie zustande kommt. Warum taucht in derselben Statistik auch ein Wert von 6 Prozent auf? Dieser Beitrag erklärt, worin sich beide Maße unterscheiden und wie man sie liest.

Was ist die Lohnlücke und wie wird sie berechnet?
Der unbereinigte Gender Pay Gap ist die Differenz zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und dem von Männern. Das Ergebnis wird in Prozent des durchschnittlichen Männerverdienstes angegeben. Es handelt sich also um ein einfaches Maß, das zwei Gruppen als Ganzes vergleicht, ohne die Merkmale der Menschen in diesen Gruppen zu berücksichtigen.
Die Berechnung lässt sich Schritt für Schritt nachvollziehen. Zuerst wird der durchschnittliche Bruttostundenverdienst jeweils für Frauen und Männer ermittelt. Dann wird der Verdienst der Frauen von dem der Männer abgezogen und die Differenz durch den Verdienst der Männer geteilt. In Prozent umgerechnet ergibt sich der Wert, der in der Statistik erscheint. Liegt er bei 16 Prozent, bedeutet das, dass der durchschnittliche Stundenverdienst der Frauen 16 Prozent unter dem der Männer liegt.
International wird diese Kennzahl als Gender Pay Gap bezeichnet. Dabei sollte man immer prüfen, ob Stundenverdienste oder Monatsgehälter gemeint sind, denn davon hängt das Ergebnis ab. Destatis verwendet den Bruttostundenverdienst.
Der bereinigte Gender Pay Gap: Was ändert die Bereinigung?
Der bereinigte Gender Pay Gap vergleicht Personen in ähnlichen Positionen und mit ähnlichen Qualifikationen. Nach Angaben von Destatis lag er 2024 unverändert bei 6 Prozent. Wenn der unbereinigte Wert sinkt, muss sich der bereinigte nicht ändern, weil beide Maße unterschiedliche Aspekte erfassen.
Woher kommt der Abstand zwischen 16 und 6 Prozent? Er entsteht unter anderem durch Unterschiede in der Beschäftigungsstruktur, also bei der Verteilung auf Branchen und Berufe, beim Umfang der Arbeitszeit und bei Erwerbsunterbrechungen. Sind Frauen und Männer unterschiedlich auf Branchen oder Berufe verteilt, beziehen sich die Durchschnittswerte der beiden Gruppen auf unterschiedlich zusammengesetzte Stellen. Ähnliches gilt für die Arbeitszeit und für Unterbrechungen im Erwerbsleben, bei denen sich beide Gruppen ebenfalls unterscheiden können.
Bei der Bereinigung werden diese Faktoren berücksichtigt. Deshalb fällt der Wert niedriger aus. Der verbleibende Unterschied bezieht sich auf Personen mit ähnlichen Merkmalen.
Wie liest man die Daten zur Lohnlücke?
Der bereinigte Wert erklärt nicht alles. Ein Teil der Unterschiede kann auf Faktoren beruhen, die in den Daten nicht enthalten sind. Deshalb sollte man ihn weder als Beleg für Ungleichheit noch als deren Widerlegung verstehen. Sechs Prozent bedeuten, dass nach Berücksichtigung der verfügbaren Merkmale ein Unterschied bleibt, den diese Merkmale nicht erklären. Was genau dahintersteht, ist nicht bekannt. Darin liegt eine wichtige Grenze dieses Maßes.
Der unbereinigte Wert zeigt dagegen das Ausmaß des allgemeinen Verdienstunterschieds, sagt aber nichts über dessen Ursachen aus. Er ist ein Ausgangspunkt, keine fertige Erklärung. Erst der Blick auf beide Zahlen ergibt ein vollständigeres Bild, weil sichtbar wird, welcher Teil des Unterschieds mit der Beschäftigungsstruktur zusammenhängt.
Wichtig ist auch der Blick auf die Regionen. Im Jahr 2024 lag der unbereinigte Wert in den neuen Bundesländern bei 5 Prozent und in den alten bei 17 Prozent. Der bundesweite Durchschnitt verdeckt also große Unterschiede. Das sollte man bedenken, bevor man Ergebnisse verschiedener Regionen oder Jahre vergleicht.
Welches Maß gehört in die Debatte?
Beide Maße beantworten unterschiedliche Fragen. Der unbereinigte Wert zeigt den allgemeinen Verdienstunterschied, der bereinigte den Unterschied zwischen Personen mit ähnlichen Merkmalen. In Gesprächen über die Lohnlücke sollte man deshalb immer sagen, welches Maß gemeint ist, und das Jahr sowie die Quelle nennen. So wird deutlich, warum die Zahlen 16 und 6 Prozent nicht im Widerspruch zueinander stehen.
Am sichersten ist es, eine einfache Regel zu befolgen: das Maß benennen, das Jahr angeben und Destatis als Quelle nennen. Diese Regel lässt sich bei jeder Verwendung der Daten anwenden.