Sexistinnen-Pranger

Sexistinnen-Pranger


Margarete Mitscherlich (*1917)


Im Jahre 1967 erschien das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens", geschrieben von Alexander und Margarete Mitscherlich. Darin geht es um die Nachkriegs-Deutschen und ihre mangelnde Aufarbeitung ihrer (angeblichen) Kollektivschuld. Beide Autoren arbeiteten damals - M.Mitscherlich heute noch - als Psychoanalytiker.

Die "Unfähigkeit zu trauern" wird auf die Täter bezogen. Nach einer bekannten Formel von S.Freud besteht Trauerarbeit in "Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten". Dies hätten die Deutschen nicht oder nicht ausreichend geleistet. An die Stelle dieser Arbeit traten vielmehr Vergessen, Verleugnen und falsche Rechtfertigung. Worum geht es ? Um den Verlust ihres Ideals der eigenen Größe und ihrer Heilserwartung, welche sich in Hitler konkretisierte. Der verlorene Krieg hat dieses Ideal zerstört. Die jetzt nötige Therapie bzw. Trauerarbeit scheiterte jedoch an dem Wohlstand der Nachkriegszeit, anders gesagt: am fehlenden Leidensdruck.

Zwanzig Jahre später veröffentlichte Margarete Mitscherlich, inzwischen verwitwet, ein Interview mit Gladys Weigner unter dem Buchtitel "Die Zukunft ist weiblich". Darin projiziert sie ihr Größenselbst und ihre Heilserwartung auf das weibliche Wesen. Zwar legt sie sich nicht eindeutig auf Frauen als Träger der Weiblichkeit fest; vielmehr könnten und sollten ihrer Meinung nach auch Männer weibliche Werte verkörpern. In Abwandlung der programmatische Sentenz: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen" könnte es somit heißen: "Am weiblichen Wesen soll die Welt genesen." Mitscherlich sagt es so nicht, aber es ist unbezweifelbar, daß sie es so meint.

In einem späteren Interview (wiederum nach zwanzig Jahren, 2007, mit Guido Mingels) bestätigte sie, daß die Prognose "Die Zukunft ist weiblich" eingetroffen sei.


Nun kann behauptet werden: Während der Wunsch nach der Genesung der Welt durch das deutsche Wesen eine Katastrophe vorbereitet hat, trifft dies für den Wunsch von Margarete Mitscherlich - denn zweifellos handelt es sich auch um einen Wunsch - nicht zu. Jedenfalls hat es unter diesem Vorzeichen bisher keine Massenvernichtung gegeben.

Hier aber will ich Zweifel anmelden. Die inzwischen geduldete pränatale Kindstötung hat bei uns mehr Leben zerstört als der Zweite Weltkrieg. Die Urheberschaft dieser Massentötung ist zu 100 % weiblich, einfach weil Väter in Deutschland gar kein Recht haben, über die Tötung von potentiellen Kindern, die sie gezeugt haben, mitzuentscheiden. Zwar wird menschliches Leben stets von Mann und Frau gemeinsam fortgepflanzt; aber nur von Frauen wird menschliches Leben auch vernichtet. Und dies ganz legal. Übrigens fallen nach dem geltenden Gesetz Embryonen nicht unter Menschen, weshalb die sogenannte "Abtreibung" juristisch auch nicht als Mord zu werten ist. Religiös empfindende Menschen sehen das freilich anders.

Aber auch aus anderen Gründen als dem der "Abtreibung" schrumpft die deutsche Bevölkerung in besorgniserregendem Maße, wofür ich drei Faktoren nenne:

  • Zunehmende Abwanderung gerade von gut ausgebildeten und leistungswilligen Männern ins Ausland.
  • Sinkende Geburtenrate.
  • Wachsende Selbstmordrate unter Kindern und Jugendlichen.

Nun läßt sich zwar nicht einwandfrei beweisen, daß diese Entwicklungen auf die weltweit fast beispiellose Rechtlosigkeit deutscher Väter bzw. auf die Vater-Entbehrung der Kinder zurückgehen. Dafür wird häufig von "Multikausalität" geredet und sowie von finanziellen Benachteiligungen, so als gäbe es diese in armen, aber kinderreichen Ländern nicht auch. Margarete Mitscherlich sieht jedenfalls keinen Grund zum Pessmismus. Im Gegenteil: mit der zunehmenden Verweiblichung unserer Gesellschaft haben sich ihre bzw. die feministischen Heilserwartungen weitgehend erfüllt.

Ich werfe hiermit die Frage auf, ob nicht in dieser gynozentrischen Weltsicht ein tödlicher Irrtum der gleichen Tragweite beschlossen liegt, wie in der Idee vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll. Eine kritische Durchsicht von Mitscherlichs Schrift "Die Zukunft ist weiblich" (1990²) läßt jedenfalls erkennen, daß ihrer Hoffnung oder Heilserwartung ein realitätsfernes sowie in sich widersprüchliches Konzept zugrundeliegt, das paranoide Züge trägt.


 

Demnach wurden Frauen - "wie andere Völker und Volksteile auch" - kolonisiert. Und zwar, anders als Völker, weltweit. Soweit Frauen dennoch Macht errangen - das geschah aber "so gut wie nie" - mußten sie sich darin mit Männern identifizieren.(S.7)

Wenn man das ernstnimmt, dann folgt daraus, auch wenn Mitscherlich das nicht direkt sagt, daß Frauen nur "als Männer", aber nicht als Frauen jemals Macht (errungen) hätten.

"Gewiß gibt es auch ungezählte Männer, die unterdrückt sind, aber selbst die Frauen unterdrückter Männer sind immer noch um einiges unterdrückter als diese." (S.9)

Diese Behauptung ist, wenn nicht in der Absicht, so jedenfalls im Ergebnis eine krasse Verhöhnung nicht nur fast aller politischen Gefangenen, sondern auch aller Väter, die mit letzten Kräften darum kämpfen, ihre Kinder sehen zu dürfen, und die aufgrund von Festsetzung eines fiktiven Einkommens in den existenziellen Ruin getrieben wurden. Von den unzähligen Männern, die einer unselbständigen Beschäftigung nachgehen und dabei täglich das Damoklesschwert der Kündigung gewahren, ganz abgesehen.

1985 schrieb Mitscherlich polarisierend über "Das friedfertige Geschlecht". Jetzt trägt sie seltsam unschlüssig vor,

"daß die Frauen nur deswegen friedfertiger und mütterlicher sind, weil ihnen gar nichts anderes übrigbleibt." (S.15)

Wenn das so sein sollte, dann müßten wir für Frauen - und wohl ebenso für Männer - eine Despotie einrichten, damit Friedfertigkeit sich verbreitet.

Im unmittelbar folgenden Satz erklärt sie dann aber:

"Wir sind, meines Erachtens, viel zu friedfertig, denn die Friedfertigkeit der Frau hat den Männern erlaubt, ihre Friedlosigkeit, ihre Kriege und ihre innere und äußere Feindsuche ad infinitum fortzuführen." (S.15)

Damit wertet Mitscherlich das, was sie ansonsten als den großen Vorzug der Weiblichkeit ansieht, vollends in eine nicht nur anerzogene, sondern auch noch schädliche Eigenschaft um.

Eine positive Einschätzung von Mitscherlich sei fairerweise nicht unerwähnt gelassen:

"Eigentlich ist es unverständlich, daß diese [...] Liebe gegenüber dem Kleinkind fast nur Frauen überlassen wird. Das ist [...] auch sehr schädlich: Die übermäßige Abhängigkeit von einem einzigen Wesen, der Mutter, schafft Unfreiheit, [...] Angst vor Trennungen, alles Ängste, die die Entfaltung der Persönlichkeit verhindern. [...] Wenn es dagegen zwei Menschen gibt, auf die es seine Abhängigkeit und Liebe, seinen Haß und seine Aggressionen verteilen kann, dann kann es sich innerlich sagen: Mama, du hast mich so enttäuscht, du kannst deswegen ruhig mal verschwinden, denn ich hab' ja noch Papa." (S.16f.)

Aber selbst diese Würdigung des Vaters wird sogleich wieder relativiert, und zwar am Beispiel von Jesus Christus. Seine "Kampagne", glaubt Mitscherlich, sei eine weibliche gewesen. Und:

"Wenn ihm das noch besser gelungen wäre, hätte vielleicht damals schon die Zukunft weiblich sein können [...] Die Idee der Aufopferung, weil es der Vater so befahl, hat ihm wahrscheinlich einen Strich durch die Rechnung gemacht." (S.20)

Diese kindlich-fantastische Ausdeutung, die feministischem Wunschdenken entspringt, ist offensichtlich schon im Ansatz widersprüchlich: Durch seine Aufopferung und Hingebung an den männlich erlebten Gott, also durch seine Weiblichkeit, habe Jesus seine "Kampagne" für die Weiblichkeit selbst vereitelt. Unausdrücklich unterstellt Mitscherlich, daß Christus seinen Vater nicht nur nicht geliebt, sondern eigentlich gegen seinen Auftrag gehandelt, sich ihm letztlich aber unterworfen habe. Und zwar aus Schwäche !

Einserseits also erkennt Mitscherlich die Bedeutung des Vaters an und fordert dessen Aufwertung. Anderseits ist die liebende Hingabe an einen Vater, sei er irdisch oder himmlisch, für Mitscherlich erkennbar ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird offensichtlich, daß sie ein persönliches Problem zum Kern einer Weltanschauung macht.

"Die größte Bedrohung des Friedens geht m.E. von dem aus, was [...] über Jahrtausende als männliche Werte und Tugenden angesehen wurde [...]." (S.22) Als eine Wirkung männlicher Tugenden sieht Mitscherlich den millionenfache Völkermord der beiden Weltkriege. (S.23)

Ursächlich ist demnach nicht ein "Weltjudentum" oder eine "Achse des Bösen", sondern - entmutigender noch - die eine weltweit gleichverteilte Hälfte der Menschheit.

Konsequenterweise gibt Margarete Mitscherlich auf die Frage der Interviewerin zwar zu, daß in den Konzentrationslagern auch Frauen mitgewirkt haben, (S.23) relativiert dies aber sogleich mit der Feststellung, daß sie sich damit nur einer Männerwelt unterworfen hätten.

Ähnlich, nur nicht sexistisch, rechtfertigten sich wohl die meisten Kriegsverbrecher: Sie hätten ja nur getan, was von ihnen erwartet wird.

Und von derartigen Mitläufern und Trittbrettfahrern erwartet Frau Mitscherlich eine bessere Welt ! Sofern es sich um Frauen handelt. An sie knüpft sie ihre Heilserwartungen. Was immer dann geschieht - egal. Schuld sind die Männer. Hauptsache, die Zukunft ist weiblich.

Zum Beispiel:

"Wenn Frauen sich sexuell exhibitionistisch verhalten, [...] tun sie ja nur, was Männer eigentlich von ihnen wollen." (S.25)

Was aber würde man einem männlichen Belästiger oder Vergewaltiger vorhalten, der sich mit den Worten rechtfertigt: "Ich tue ja nur, was Frauen eigentlich von mir wollen" ?

"Ein erwachsener Mensch macht keine Kriege." (S.30)

Wenn das so ist, dann müßten alle Kriege von Frauen ausgehen. Denn Frauen sind ja, aus der Sicht von Mitscherlich, für nichts verantwortlich, insofern also wie Kinder. Tatsächlich aber sieht Mitscherlich jetzt nicht die Frauen, sondern die Männer als die Wesen, welche das Erwachsenenstadium nicht erreichen - weil es so besser in ihre "Logik" paßt.

Eine Frau "neigt weniger dazu als der Mann, den anderen für schuldig zu erklären und bekämpfen zu müssen" heißt es auf S.48.

Gerade Mitscherlich erklärt aber den Mann für schuldig an eigentlich allen Übeln dieser Welt.

Gleichsinnig:

"Unter Menschlichkeit verstehen wir doch vor allem Einfühlung in andere, Verständnis für Andersdenkende, von sich selbst absehen zu können, nicht ewig beleidigt zu sein [...]" (S.50)

Nimmt Frau Mitscherlich hier etwa sich selbst zum Vorbild ?

Deswegen ist die Zukunft weiblich, oder es gibt sie nicht [...] Wenn Männer weibliches Denken nicht integrieren, [...] muß man wohl damit rechnen, daß die endgültige Selbstvernichtung absehbar ist." (S.51)

Nach diesem Denkmuster ist immer schon staatlicher Terror gerechtfertigt worden. Denn welcher Preis wäre zu hoch, wenn es darum ginge, die Menschheit vor der Selbstvernichtung zu bewahren ?

"Eine bestimmte, traditionell verankerte Mentalität hat gezeigt, daß mit Hilfe falscher Ideale die grauenhaftesten Taten vollbracht werden können." (S.52)

Nun, das Ideal von Margarete Mitscherlich ist eine weibliche Zukunft. Sie sieht nur dieses Ideal nicht als falsch an.

"Denn mit der Fähigkeit zur Einfühlung ist die Erkenntnis verbunden, daß andere Menschen genauso Menschen sind wie man selber." (S.53)

Außer wenn sie der anderen Hälfte, d.h. dem "falschen" Geschlecht angehören. Mitscherlichs Selbsteinschätzung ähnelt in verblüffendem Maße derjenigen von S.M.Gearhart, welche einerseits das "falsche" Geschlecht nahezu ausmerzen will, anderseits aber die kosmische Liebe, vor Allem die Liebe zu den Marginalisierten, für sich in Anspruch nimmt.

"Die Christen und die Kommunisten sind sehr bald "männlich" degeneriert." (S.82)

Wenn eine Frau das sagt, dann hat das nichts mit Nazi-Ideologie zu tun. Sie hat sich einfach nur der männlichen Unreife unterworfen. Oder was sonst ? Es scheint unmöglich, alle diese Aussagen logisch zu verknüpfen.


 

Soweit die Zitate und meine Kommentierung. Es liegt mir fern, Frau Mitscherlich als einen bösartigen Menschen zu bezeichnen. Sicher zeigt sie im persönlichen Umgang ein freundliches Wesen; sicher bringt sie für menschliche Schwächen viel Verständnis auf, und wahrscheinlich hat sie als Psychotherapeutin viele Menschen ermutigt. Ihre schriftlichen Aussagen aber sind töricht - das ist das Mindeste, was ich abschließend darüber sagen möchte.

Ich fragte mich beim Lesen, ob der Verlag, bei dem ihr Buch erschien, sich einen Lektor hat leisten können, und falls ja, warum er nicht beizeiten die Bremse gezogen hat. Dabei kommen mir mancherlei Autoren in den Sinn, die, obgleich sie ein respektables Lebenswerk vollbracht haben, zuletzt in Vergessenheit geraten sind, weil irgendein zorniger junger Kritiker ihnen ihr zeitweiliges, oft sogar nur andeutendes Bekenntnis zu einer gewisssen Weltanschauung zum Vorwurf gemacht hat.

Zur Zeit ist der ideologische Männerhaß, die Mysandrie, in Mode. Wer sich als Mitläufer hier einbringt, avanciert leicht zum Preisträger. So auch Margarete Mitscherlich. Im Jahre 2001 erhielt sie für ihre "Verdienste um das Allgemeinwohl" den Großen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und befindet sich damit "in bester Gesellschaft" mit Alice Schwarzer.

Die kollektive Stimmung kann jedoch umschlagen. Insofern wäre die Autorin gut beraten, wenn sie die Trauerarbeit rechtzeitig leistet, die mit dem Verlust, besser mit einer bewußten Preisgabe ihrer geschlechtsbezogenen Heilserwartungen verbunden ist.

Das wäre: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten.

 


Vergleichen Sie zum Thema auch:

"Deutscher Feminismus und Antisemitismus" von Ljiljana Radonic (Link aktualisiert am 9-10-2010); sowie

"Frauenbewegung und Antisemitismus" von Gerhard Amendt.

Außerdem:

Kathrin Kompisch: Täterinnen. Frauen im Nationalsozialismus. Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2008. 277 Seiten, 22,90 Euro.

Marita Kraus (Hrsg.): Sie waren dabei. Mitläuferinnen, Nutznießerinnen, Täterinnen im Nationalsozialismus. (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte Bd. 8). Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 262 Seiten, 20 Euro.

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