Sexistinnen-Pranger

Sexistinnen-Pranger


Sally Miller Gearhart (*1931)


S.M.Gearhart

In ihrem Essay "The Future - If There Is One - Is Female" (1982, erschienen in: McAllister, Pam (Hrsg.) "Reweaving the Web of Life", Philadelphia) schrieb Sally Miller Gearhart u.a. die folgenden programmatischen Sätze:

  1. Jede Kultur muß jetzt Schritte unternehmen, damit die Zukunft weiblich wird.

  2. Die Verantwortung für den Fortbestand der menschlichen Gattung muß in allen Kulturen wieder in die Hände der Frauen gelegt werden.

  3. Der Anteil der Männer muß auf ungefähr 10 % der menschlichen Rasse reduziert und festgeschrieben werden.

In ihren Science-fictions-Romanen "The Kanshou" (2002) und "The Magister" (2003) sind diese Forderungen bereits erfüllt und überboten: Das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt jetzt 1:12.

Damit ist die Gefahr einer Auslöschung der gesamten Menschheit durch männliche Gewalt jedoch immer noch nicht gelöst. Als eine Art "Endlösung" läßt Gearhart ihre Protagonistinnen ausgiebig über einen Vorschlag der (weiblichen) Weltregierung diskutieren, welcher darin besteht, ein so genanntes "Gewaltzentrum im Gehirn der Männer" auf chirurgisch-operativem Wege zu neutralisieren. Um dieses Gewaltzentrum näher zu erforschen, sollen zunächst Versuche an (männlichen) Gefangenen durchgeführt werden.

Sowohl ihr durchaus ernstgemeinte Programm zur Auslöschung fast der Hälfte der Menschheit als auch ihre literarisch ausgeformten Phantasien zur Umgestaltung der verbleibenden Männer befremdet insbesondere in Anbetracht des Selbstverständnisses der Autorin:

"Immer häufiger preise ich die Menschen, welche durch Andere als "mein Feind", "unakzeptabel" oder "verrückt" bezeichnet werden. Diese Menschen haben meinen Hunger nach Mannigfaltigkeit verstärkt und mich zur Erkenntnis geführt, daß, am Ende und am Anfang, die Liebe die universale Wirklichkeit im Herzen der Schöpfung ist."

Ein derartiges Selbsverständnis mit den Forderungen nach "Reduzierung" eines großen Teils der Menschheit in Einklang zu bringen, ist nicht ganz leicht. In diesem Sinne hat sich auch Claudia Heyne in ihrem Buch "Täterinnen" (1993, S. 30) geäußert:

"Es ist eine bittere Ironie, daß ausgerechnet eine Frau, die apodiktisch von der größeren Friedfertigkeit des weiblichen Geschlechts ausgeht, uns im Namen der Schaffung einer weniger gewalttätigen Welt ein Zeugnis unerbittlicher Aggressivität liefert."

Andere Feministinnen und Feministen äußerten sich dagegen nicht nur unkritisch, sondern sogar zustimmend. So etwa Mary Daly. Möglicherweise hat auch der deutsche Medizin-Professor Dr.Dr. Rolf-Dieter Hesch sich durch Gearhart inspirieren lassen.

"Wie ist dergleichen möglich ?" So sollte man sich angesichts der Geschichte des 20. Jahrhunderts fragen. Denn Gearhart geht in ihrem Programm zu einer "Endlösung" weit über das Programm von Hitler hinaus. Werfen wir daher einen kurzen Blick auf ihr Leben.

 

Sally Miller Gearhart wurde am 15-4-1931 in den USA geboren. Sie schlug eine akademische Laufbahn ein, engagierte sich für die Lesben- und Schwulenbewegung und beteiligte sich an der Einrichtung der ersten Lehrstellen für Genderstudien. Daneben schrieb sie Science-fictions-Literatur, u.a. den Roman "The Wanderground" (deutsch: Das Wanderland - Erzählungen von den Hügelfrauen).

Dieser Roman handelt von einer ländlich verborgenen Gemeinschaft von Frauen, die untereinander und zur Natur magische Beziehungen unterhalten und sich durch Eiverschmelzung fortpflanzen. Sie konzentrieren ihre Kräfte auf die Heilung der Erde, d.h. auf die Zusammenballung der globalen weiblichen Energie, welche sie gegen das gewalttätige und zerstörerische Patriarchat einsetzen wollen. Männer und technische Apparate sind durch eine Revolte der "Großen Mutter" eingegrenzt worden auf dicht besiedelte Städte. Daneben existieren männliche Separatisten, "Besser-Männer" sozusagen, welche sich nicht in das dualistische Schema fügen.

Es kommt hier also eine sexistisch-heidnische Religiosität zum Ausdruck, in welcher ein Gut-Böse-Dualismus sich nahezu vollkommen deckt mit der Geschlechter-Dichotomie: Frauen verkörpern das gute und heilende Prinzip; Männer das böse und zerstörerische Prinzip.

Merkwürdig ist zudem, daß Gearhart bemüht war, ihre sexistisch-heidnischen Religiosität mit der Lehre der (protestantischen) Kirche in Einklang zu bringen. Überdies war sie eine auch politisch orientierte Aktivistin.

Dies ist eine Netzseite mit Fotos, Videos, Biografie und Bibliographie von S.M.Gearhart.

Ich werfe ihr vor:
  • Ideologische Anstiftung zum globalen Androzid als vermeintliche "Endlösung der Männerfrage".

Zusatz 6-2-2011:

Nachfolgend gebe ich eine Übersetzung des Artikels von 1982, welcher die entscheidenden Sätze enthält (und ausführlich rechtfertigt!), auf die sich meine obige Kritik hauptsächlich bezieht.


Sally Miller Gearhart

Die Zukunft - wenn es eine gibt - ist weiblich

Erschienen in: "Reweaving the web of life", 1982, herausgegeben von Pam McAllister, S.266-294

[Vorwort des Herausgebers]

Unter dem Aspekt, daß nichts schlimmer sein könnte als die völlige Zerstörung unseres kostbaren Planeten und allen Lebens auf ihm - eine Aussicht, die sich in unsere Seelen mit kaum mehr als einem Achselzucken und einem Seufzer hineingeschlichen hat -, ist der Vorschlag, daß die Angelegenheiten dieser Welt in die Hände von nicht-patriarchal eingestellten Frauen gelegt wird, eigentlich nicht so extrem, wie es zunächst scheinen könnte.

Die meisten feministischen Aktivisten erkennen unterdrückerische Institutionen genau und erheben Forderungen für eine Veränderung, oder rufen sogar nach der Revolution. Gleichwohl neigen wir dazu, der Antwort auszuweichen, wie wir unsere Umwelt so verändern können, daß Vergewaltigung, Sklaverei und das Gespenst der nuklearen Vernichtung nur noch Albträume der Vergangenheit sein werden. Mit der wahrscheinlich radikalsten und konkretesten Strategie für das irdische Überleben, welche in dieser Anthologie vorgestellt wird, gibt Sally Gearhart sorgfältig, Schritt für Schritt die Begründung für ihr Drei-Stufen-Vorschlag:

I. Jede Kultur muß beginnen, eine weibliche Kultur zu werden.
II. Die Verantwortung für die Menschheit muß in jeder Kultur den Frauen zurückgegeben werden.
III. Der Anteil der Männer innerhalb der menschlichen Rasse muß auf 10% reduziert und festgeschrieben werden.

"Ich glaube, daß wir an einer großen Zeitenwende in der Geschichte stehen," schreibt sie hier, "und daß wir in unseren Händen nicht mehr als einen dünnen Faden halten, an dem unser Überleben hängt. Ich verstehe das Erwachen der Frauen in diesem Jahrhundert als eine Antwort der menschlichen Rasse auf ihre drohende Selbstvernichtung sowie die drohende Zerstörung des Planeten."

Sally ist klug genug, nicht zu behaupten, daß Männer von Natur aus destruktiv seien und Frauen von Natur aus aufbauend. Tatsächlich sagt sie, daß es unmöglich sei, eine solche Behauptung zu beweisen. Vielmehr fordert sie uns auf, die Geschichte ernstzunehmen, ihre Jahrhunderte der männlichen Vorherrschaft, die verbunden sind mit wachsender Macht und der Wahrscheinlichkeit der völligen Zerstörung der Erde. Es ist diese Entwicklung oder Tradition, dieses Verhaltensmuster, das zu beenden ist, ein Muster, das eng verbunden ist mit männlicher Herrschaft.

Wenn auch Sallys Vorschlag einzigartig ist, so haben Andere ähnliche Konzepte vorgelegt. Zufolge dem Buch "The Grand Domestic Revolution: A History of Feminist Designs for American Homes, Neighborhoods and Cities" von Delores Hayden (MIT Press,1981), entwarf der feministische Aktivist Lois Waisbrooker im Jahre 1893 einen Plan ähnlich dem von Sally - fast hundert Jahre vorher! In Waisbrookery Novelle "A Sex Revolution" stimmen Männer, widerwillig und unter Druck gesetzt, zu, die Rollen zu vertauschen, als ein soziales Experiment. Das Anliegen der Frauen in diesem Buch ist, jede Art von Krieg zu beenden.

Barbara Stanfords Anthologie "On Being Female" (Pocket Books, 1974) enthält den Nachdruck eines Artikels, der 1971 in den "Chicago Daily News" erschienen ist: "Let Women Rule the World, Asks Scientist." Er zitiert einen Dr. Peter A. Corning von der Universität von Colorado wie folgt: "In einer Zeit, da die männlichen Tugenden weniger nötig für unser Überleben geworden sind, müßte die Weiberherrschaft jetzt beweisen, daß sie, in Begriffen der Evolution, die bessere ist."

"New French Feminisms", eine Anthologie, herausgegeben von Elaine Marks und Isabelle de Courtivron (U. of Mass. Press, 1980),enthalten Abschnitte aus Francoise d'Eaubonnes Essai "Feminismus oder Tod": "Somit ist ein Umverteilung der Macht dringend notwendig, danach, so bald wie möglich, die Abschaffung der Macht. Die Umverteilung muß vom phallokratischen Mann, der für unsere sexistische Zivilisation verantwortlich ist, in die Hände der erwachten Frauen vonstatten gehen." Und anderswo in diesem Band: "Es würde mit einer Gesellschaft der Nicht-Macht im weiblichen Sinne (und nicht der weiblichen Macht) somit bewiesen, daß keine andere menschliche Gruppe die ökologische Revolution hätte herbeiführen können, da keiner anderen auf allen Ebenen so sehr daran gelegen war...Und der Planet im weiblichen Geschlecht würde wieder für alle grün werden."

Es gibt etwas in d'Eaubonnes Essai, das zu fehlen scheint in Sallys Konzept, wie es gegenwärtig vorliegt; nämlich, daß diese Umverteilung der Macht eine nur zeitweilige Maßnahme sein kann, ein Schritt hin zur Hoffnung, daß, wie d'Eaubonne schreibt, "das Männliche einmal wieder Ausdruck des Lebens sein würde und nicht mehr Vorbereitung zum Tod; und daß Menschen schließlich zuerst als Personen behandelt würden, und nicht vor Allem als männlich oder weiblich." Sally hingegen befürwortet, daß der männliche Anteil innerhalb der menschlichen Rasse auf 10 % reduziert und festgeschrieben würde, wobei, wie sie sagt, dies durch Steigerung der weiblichen Geburtenrate geschehen müsse, und nicht durch irgendwelche Verluste an Leben. Noch aber ist es das Wort "festgeschrieben", das selbst jene von uns irritiert, die ansonsten von ihrem Vorschlag angetan sind. Hierfür erscheint es unnötig, daß dieser als drastische Maßnahme durchgezogen wird; gut möglich ist vielmehr, daß er sein Ziel in ein paar Generationen erreicht haben würde: Die Ketten patriarchaler Tradition zu sprengen, die Erinnerungen an männlicher Vorherrschaft aus dem kollektiven Gedächtnis auszulöschen, die gewohnheitsmäßig ungerechte Behandlung der Frauen zu beenden, und, nachdem dies geschehen ist, uns die Chance zu einem Neubeginn zu geben, neu belebt, unbelastet durch die Summe vergangenen Leidens. Sallys Essai ist, in all seiner Stärke, willkommen in dieser Anthologie im Geiste des Dialoges (trotz seiner ungelösten Fragen), da wir gemeinsam für ein Ende der Kultur des Todes kämpfen, in der Hoffnung um Heilung.

Sally, eine erfahrene lesbisch-feministische Aktivistin, ist wohl bestens bekannt als Autorin von dem als "Neue Untergrund-Klassik" bezeichneten Buch "The Wanderground: Stories of the Hill Women" (persephone Press, 1978, sehr zu empfehlen - siehe die kommentierte Bibliografie am Schluß dieser Anthologie) und Mitautorin von "A Feminist Tarot" (Persephne Press, 1981). Sie ist ebenso Vorsitzende des Department of Speech an Communikation an der Universität von San Francisco, Mitglied vom beauty shop quartet, und "a double Aries with Virgo rising". Sie ist kritisch-selbstkritisch engagiert, und ebenso engagiert in der anti-rassistischer Aktion und in der Tier-Befreiungsbewegung.

Sally schreibt: "Ich bin dankbar für Dialoge mit einer Menge von Frauen, und für die geschriebenen Worte von anderen: Baba Copper, Jane Gurko, Sarah Hoagland, Pat Labine, Alice Molloy, Julia Penelope, Cynthia Secor und, während der letzten acht Jahre, den Mitgliedern des "Seminar in Patriarchal Rhetoric" an der San Francisco State Universität. Ich bin ebenso dankbar für Frauen wie Mina Caulfield, Joanna Russ und Barbara Smith, die nicht müde werden, mich herauszufordern, und die einige der Ideen, die ich in diesem Text ausgedrückt habe, konstruktiv zu kritisieren."

[Ende des Vorworts]


[Hier beginnt der Essai von S.M.Gearhart]

In einem bemerkenswerten Science-Fiktion-Werk, "Rule Golden", wischt Damon Knight die Gewalt vom Gesicht der Erde, indem jeder Handelnde in seinem eigenen Körper die physischen Schläge spürt, den er/sie anderen austeilt: Tritt einen Hund und fühle den Stiefel an deiner eigenen Rippe; beauftrage einen Mörder und stirb selber. Ebenso bedeutet einander liebevoll zu streicheln soviel wie gestreichelt werden. In ihrem neuesten Science-Fiktion-Werk "Shikasta" verbindet Doris Lessing die Zerstörung der Erde mit einem Mangel an "Substanz des Wir-Gefühls". Beide, Knight und Lessing, artikulieren aus meiner Sicht die notwendige Verbindung zwischen Empathie (Einfühlsamkeit) und Gewaltlosigkeit; sie erinnern mich daran, daß Objektivierung die notwendige, wenn nicht gar ausreichende Komponente von jedem Akt der Gewalt ist. Daß ich mich von einem anderen Wesen getrennt denke, macht es mir möglich, das andere Wesen denken zu lassen, ich würde es mir nicht selbst antun. Aber wenn ich alle Dinge wie mich selbst sehe, oder mich einfühlend verbinde mit allen anderen Dingen, dann heißt ihnen wehzutun, mir selbst wehzutun; ich werde durch diese Welt gehen mit viel weniger Grobheit und vielmehr Sorgfalt; ich würde eine mehr respektvolle, aufbauende Haltung gegenüber der Welt einnehmen, wünschend, daß alle Dinge gesund und langlebig seien.

Aber Einfühlsame leben nicht lange, wenn die Rule Golden [Goldene Regel] nicht in Kraft ist. Unsere Welt gehört denen, die objektivieren können (oder gezwungen sind zu objektivieren); und wenn ich mich selber davor schützen will, lerne ich zu objektivieren und zu meiner Selbstverteidigung zurückzuschlagen. Ich scheine gezwungen zu sein, entweder selber gewalttätig zu werden oder mich zum Opfer zu machen. Oder ich lebe eine schizophrene Existenz, in welcher meine Werte in Widerspruch stehen zu meinen Handlungen, indem ich ständig ein Abwehrschild (Objektivierungen) vor meinem realen Selbst halte, vor meiner Einfühlsamkeit oder meinen Identifikationen mit anderen. Und je länger ich dieses Schild halte, umso dicker wird es, und umso weniger fühle ich mich in die anderen ein. Somit macht jede Sekunde, die ich mich vor der Gewalt schütze, daß ich noch mehr objektiviere, und daß ich immer mehr zur eigenen Gewalttätigkeit fähig werde. Ich bleibe gefangen in der Gewalt-Opfer-Falle.

Aber die meisten Leute, davon bin ich überzeugt, wollen nicht die Erde vergewaltigen oder jeden anderen ausbeuten. Während 53 % der US-Bevölkerung den Atomkrieg noch in seinem Leben erwartet, will doch niemand ein solches Ereignis. Gewalt hat derartige Ausmaße angenommen, daß der gewöhnliche Erdenbürger sich hilflos fühlt und zunehmend zynisch wird angesichts der Dimension und Komplexität der Bedrohung. Eine zerstörerische Technologie ist ausgelöst worden durch die Entdeckungen "moralisch neutraler" Wissenschaftler; ein ausufernder Konsum drängt 6 % der Weltbevölkerung das zu verwüsten, wofür 94 % der Welt hungern, um zu produzieren; saubere Luft, sauberes Wasser, Ackerland, Wildnis, Tierwelt, Wälder und Seen - alles ist geworden zur "gefährdeten Art", so wie "Sicherheit", "Freiheit" und "gleichheit". Wie ein Gelehrter es ausgedrückt hat: Unsere gesamte Gesellschaft ist ein Zug, der mit zunehmender Beschleunigung abwärts fährt. Wir sind unfähig, mitzuhalten, und noch weniger, den Zug zu stoppen.

Es gibt drei Bedingungen, von denen ich annehme, daß sie in die Gewalt-Opfer-Falle geführt haben. Den ersten beiden Bedingungen liegen die Wissenschaft und die Technologie zugrunde, die vom Menschen ausgegangen sind: 1) Was zu tun möglich ist, wird getan, und 2) alles, was im Dienst der Menschheit getan wurde, ist lobenswert, ja notwendig. Menschliches Wissen, so wie wir es gewonnen haben in den letzten zehntausend Jahren, führte zum Ausführen was auch immer möglich ist, einschließlich Kernforschung, Gentechnologie, computer-bestimmtes Leben; und es wurde eine Übung in menschlichem Größenwahn, bezeugt durch den Tod von Millionen Labortieren, von verwüsteten Kontinenten und von verseuchten Meeren.

Während den ersten beiden Bedingungen Wissen zugrundeliegt, liegt der dritten die Stärke zugrunde, wie sie der Mensch über die Jahrtausende gebraucht hat: Macht macht Recht, gegenwärtig der gröbste und ehrlichste Ausdruck der anderen zwei Bedingungen und eine Art der Rechtfertigung für sie. Der Stärkere hat immer die bessere Möglichkeit, den Schwächeren zu unterdrücken (wenn es möglich ist, muß es verwirklicht werden), und der Stärkere ist natürlich die Krone der Schöpfung und hat die Herrschaft über alle anderen Dinge (ihm ist zu dienen, sogar zur Zerstörung des restlichen Planeten).

Diese drei Bedingungen sind verantwortlich für das bekannte und hoch formalisierte Zusammenspiel von Wissen und Macht, das wir als "westliche Zivilisation" bezeichnen. Anders gesagt, der Mensch hat das Mögliche erkannt, er hat konsequent das Mögliche ausgeführt, er hat seine Taten gerechtfertigt als Ergebnisse seiner menschlichen Überlegenheit, und er hat den Gebrauch von Gewalt für menschliche Zwecke für natürlich und richtig ausgegeben. Seine Bedingungen haben uns die ganze mächtige und ständig wachsende Zivilisation ermöglicht, die auf Objektivierung und Vergewaltigung aufgebaut ist.

In diesem Text will ich sagen, was zu sagen ich für lange Zeit sorgfältig vermieden hatte: Daß, wenn die Welt von der ausufernden Gewalt zu befreien ist, welche unser Leben bestimmt, die Angelegenheiten dieser Welt, und im Besonderen die der menschlichen Gattung, in die Hände von Frauen gelegt werden muß.

Ich glaube, daß wir an einem großen Wendepunkt der Geschichte stehen, und daß wir nicht mehr als einen dünnen Faden in unseren Händen halten, an dem unser Überleben hängt. Ich verstehe das Erwachen von Frauen in diesem Jahrhundert als die Antwort der menschlichen Rasse auf ihre drohende Selbstvernichtung wie auch die drohende Zerstörung des Planeten. Im Kleinen wie im Großen ist es an den Frauen dieser Welt, ihre Verantwortung als Lebens-Spenderinnen und -Erhalterinnen wieder zu ergreifen.

Selbst nach Jahrzehnten feministischer Forschung wissen wir nicht sicher, was den weiblichen und was den männlichen Menschen ausmacht - ob der männliche "natürlicherseits" gewalttätig, und der weibliche "natürlicherweise" schöpferisch ist -, und solange Geschlechter-Rollen existieren, ist es unwahrscheinlich, daß wir in dieser Sache Klarheit gewinnen. Dieser Text nun setzt voraus, daß die letzten zehntausend Jahre weltweiter männlicher Vorherrschaft uns eine lebendige und grauenerregende Vorstellung vermittelt haben von dem, was passiert, wenn Männer das Sagen haben; er geht weiterhin davon aus, daß wir als Gattung und als weltweite Gemeinschaft nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben, wenn wir die gegenwärtigen Machtverhältnisse umkehren und den Frauen die grundlegende Verantwortung für menschliche Angelegenheiten zurückgeben.

Aber "den Frauen die Verantwortung zurückgeben" sagt zu wenig. Das patriarchale System könnte ganz gut weiterlaufen mit patriarchal eingestellten Frauen. Wir brauchen das weitergehende Verständnis, daß das gegenwärtige System nicht mehr länger bestehen kann, daß selbst Matriarchate - Klassengesellschaften, die sie waren - nicht funktionieren, und daß nicht einfach irgendwelche Frauen es machen. Da wir alle noch durch männliche Identifikation und durch jahrelanges Leben in diesem System mehr oder weniger versklavt sind, muß die Voraussetzung darin bestehen, daß das gegenwärtige System des Monopol-Kapitalismus und Patriarchats beseitigt wird, und daß nicht-männlich identifizierte Frauen die Verantwortung übernehmen werden. Dies verlangt sowohl Handeln als auch Erziehung; sowohl Befreiung der Frauen von den Zwängen des patriarchalen Gesetzes und Herkommens, als auch eine Erziehung sowohl der Frauen wie Männer in den freiwilligen und enormen Veränderungen, die Platz greifen müssen. Der Ruf nach Handeln und nach Erziehung ist nicht neu für Feministen; aber die speziellen Veränderungen, von denen ich meine, daß sie eintreten müssen, dürften weniger geläufig sein.

Schließlich ergänzen werden drei weitere Forderungen die Strategien, wenn wir eine weniger gewalttäige Welt erschffen und erhalten wollen. I) Jede Kultur muß beginnen, eine weibliche Zukunft zu sichern. II) Die Verantwortung für die Menschheit muß in jeder Kultur den Frauen übertragen werden. III) Der Anteil von Männern innerhalb der menschlichen Rasse muß reduziert und festgeschrieben werden auf etwa 10 %.


I

Was bedeutet "weibliche Zukunft"? Zunächst einmal bedeutet es, was Menschen zu allen Zeiten mit dem Weiblichen verbunden haben, besonders: Einfühlungsvermögen, Fürsorglichkeit und Gemeinsinn. Lassen wir jetzt einmal die Frage beiseite, ob Frauen diese Qualitäten von Natur aus oder durch Sozialisierung besitzen. Wir sollten uns nur versichern, daß wir nicht den üblichen voreiligen Schluß ziehen, diese Qualitäten seien schlicht "menschlich". Sie allen Menschen beizumessen, geht an der Sache vorbei. Der eigentliche Grund dafür, daß sie zum Gegenstück für "männliche" Qualitäten (Objektivierung, Gewalt, Wettbewerb) geworden sind, hängt mit der Tatsache zusammen, daß sie als "weich", "schwach", "weiblich" betrachtet werden. Wenn in der westlichen Kultur Männer einfühlend oder fürsorglich oder kooperativ sind, werden sie gebrandmarkt als "feminin" oder "wie Frauen", und sie verlieren entsprechend an Macht. Obwohl diese Qualitäten lauthals gepredigt werden - von Kirchenkanzeln herab oder auf den Seiten von "The Readers Digest" -, sind es keineswegs die Qualitäten oder die Werte, welche unsere westliche Zivilisation beherrschen. Sie sind Eigenschaften, die verbunden werden mit dem Weiblichen innerhalb der menschlichen Gattung. Sie anzunehmen, bedeutet automatisch zu verlieren, weniger zu sein als ein Mann. Regelmäßig werden sie außer Kraft gesetzt, wenn die Lebenswirklichkeit nach Härte, Heldenmut, Patriotismus - eigentlich: Objektivierung, Gewalttätigkeit, Rivalität - ruft.

Manche Feministen protestieren aus strategischen Gründen gegen die Etikettierung dieser Eigenschaften als "weibliche" Qualitäten. Indem wir Frauen als weniger gewalttätig, rivalisierend, objektivierend als Männer heraustellen, unterstützen wir die antifeministische Vorstellung, wie sie besonders im neunzehnten Jahrhundert geläufig war, daß Frauen zu rein seien, um Politik zu machen, daß sie von Natur aus anders seien als Männer und sich folglich auf den häuslichen Bereich zu beschränken hätten. Aber wenn wir durch den Glauben, daß Frauen von Natur aus weniger gewalttätig seien, die Geschlechter-Rollen bestätigen, durch welche Frauen so lange niedergehalten wurden, dann ist es vielleicht an der Zeit, zuzugeben, daß so manches aus der Mythologie der Geschlechter-Rollen in Wirklichkeit zutrifft, und darauf zu bestehen, daß die Qualitäten, welche den Frauen zugesprochen werden (besonders Einfühlungsvermögen, Fürsorglichkeit und Kooperation), als menschliche Qualitäten bestätigt werden, zu denen auch Männer fähig sind, auch wenn ihnen eine natürliche Anlage dazu abgesprochen wird. Diese Art, die Sichtweise umzudrehen, kann nur günstig wirken; das bedeutet dann, darauf zu bestehen, daß Männer fürsorglich und einfühlsam werden, genau so wie das Patriarchat immer darauf bestanden hat, daß Frauen, welche in ihre Hierarchie eindringen, gewalttätig werden und zu rivalisieren beginnen. In einem System, das die Erde entwaldet, vermint und verwüstet hat bis zu einem Punkt, da die Bevölkerung die nutzbare Fläche des Landes weit überschreitet; da die gelagerten Atomwaffen in der Lage sind, die Erde vierzig oder fünfzig Male zu zerstören, ist die Bejahung solch "weicher" Qualitäten und Perspektivwechsel wohl schon lange überfällig.

Neben der Bestätigung weiblicher Werte erfordert eine weibliche Zukunft die Infragestellung des gesamten hierarchische Konzeptes. Männliche Schlüsselfiguren (weibliche ebenfalls) müssen von ihren hohen Plätzen herabsteigen und die Lächerlichkeit ihrer Selbstermächtigung zugeben. Anders gesagt: Das vertikale System als solches, welches die Voraussetzung für die Gewalt-Opfer-Falle abgibt, würde ersetzt durch horizontale Beziehungsmuster. Wenn es in einem solcherart bereinigten System irgendeine "überlegene Macht" wäre, würde sie identifiziert mit der greifbaren materiellen Erde selbst, einschließlich deren Biosphäre; und jedwede Ehrfurcht ihr gegenüber würde eher die Züge von Respekt und bewußter Fürsorge annehmen als die von Furcht und Gehorsam. Mit letzterem ist ein für alle Male Schluß. Die Erde ist unsere; sie ist nicht "jenseits", von wo sie Anweisungen gibt oder wo sie verehrt wird. Und die einzige Göttlichkeit, die wir ihr zubilligen, hat zu tun mit unserer Erkenntnis der Energie, welche wir mit ihr und mit anderen teilen. Die Erde würde nicht aus Gier erobert, gezähmt und vergewaltigt werden; sie würde vielmehr als mit uns verwandt betrachtet werden, und sie würde geschützt zugunsten von allen, die mit ihr zusammenleben.

Äußerst wichtig ist, daß in einer weiblichen Zukunft die Weiblichkeit als solche überall als positiv, als freudevoll verstanden würde: Frauen würden sich selbst wie auch ihresgleichen bestätigen; Frauen würden durch Männer und durch Kinder bestätigt - mehr als Männer bestätigt werden in unserer jetzigen Gesellschaft. Noch wichtiger: Die Frau würde anerkannt als vorrangig, als die Quelle allen Lebens. Die Frau umfaßt den Mann, kann ohne ihn existieren, kann innerhalb vieler Gattungen, die menschliche vielleicht eingeschlossen, ohne Mann reproduzieren. Die allgemeine Anerkennung dieser Fähigkeiten ist das sine qua non einer weiblich geformten Gesellschaft. Und die unausgesprochene Anerkennung dieser weiblichen Fähigkeiteiten hat das Patriarchat zu seinem verzweifelten, überall verbreiteten und gewalttätigen Einsatz zur Versklavung der Frau veranlaßt.

Laßt uns Klarheit gewinnen. Die Vorrangigkeit der Frau bedeutet nicht, daß der Mann sich verkriechen oder aussterben müßte. Sie ist - oder würde es sein, wenn die ganze künstliche Selbstverständlichkeit der gegenteiligen Auffassung erst einmal weggewischt ist -, einfach eine Tatsache, die nichts besser oder schlechter macht. Ich weiß, wie diese Worte klingen, und wie in der Menschheitsgeschichte derartige Worte unausgesetzt mit Herablassung oder auch wohlwollender Despotie gebraucht worden sind, um die Überlegenheit einer (gewöhnlich ethnischen) Gruppe über eine andere zu begründen. Ich bin mir der Gefahren des biologistischen Determinismus bewußt und fürchte ihn in genau der Weise wie jeder von uns ihn fürchten würde. Doch bis jetzt, hier auf der Ebene der menschlichen Sexualität, bin ich schließlich zu sagen gezwungen, daß ich die Unterschiede als solche der Vorrangigkeit und Verschiedenheit sehe, das heißt, als den grundlegendsten Unterschied, den es zwischen den Mitgliedern der menschlichen Rasse gibt. Gerade weil der Unterschied so fundamental ist, gibt es keine Analogie, an der sich aufzeigen ließe, wie die Anerkenntnis der weiblichen Vorrangigkeit qualititativ verschieden wäre von der faschistischen Forderung, daß [dunkel-]farbige Menschen die Vorrangigkeit der Kaukasier anerkennen. Ich komme wieder zurück auf das, was mir letztlich die Wahrheit zu sein scheint, daß weibliche Vorrangigkeit die Tatsache, die Wahrheit ist, einsehbar sowohl durch Männer als durch Frauen, während jede Höherbewertung auf der Basis von rassischem und ethnischem Hintergrund schlicht und offensichtlich absurd ist. Ferner ist es mein Glaube, daß gerade die weibliche Natur es auschließen würde, Gebrauch zu machen von einer bestimmten hierarchischen Machtdemonstration, welche mit dem Gebrauch der Biologie als einer sozialen Waffe gewöhnlich einhergeht, sowohl durch Weiße, die Dunkelfarbige niederhalten, als auch durch Männer, welche Frauen unterdrücken.

Von nun an gibt es keine Alternative zu einer Welt, in welcher der Weiblichkeit in menschlichen Angelegenheiten ein eigener Platz zugewiesen worden ist. Das Beste, was wir tun können, ist, uns eine hypothetische Gesellschaft vorzustellen, in welcher die eine Hälfte Bevölkerung doppelt so lang lebt wie die andere Hälfte, sagen wir hundert Jahre und fünfzig Jahre. Dieser Unterschied zwischen ihnen, der mit der Geburt feststeht, ist ein fundamentaler und unumkehrbarer, welcher das Selbstverständnis und den Gemeinschaftsgeist jedes Menschen in der Gemeinschaft formt. Der länger lebende Teil der Bevölkerung hat eine Investition auf lange Sicht und im gesamten Gut der Gruppe. Es erscheint mir nicht zu weit hergeholt oder ungerecht, daß die Überwachung des gesellschaftlichen Überlebens dem länger lebenden Volksteil zufallen würde, und ebenso erscheint es mir nicht unverständlich, daß die kürzer lebende Gruppe die Existenzbedingungen ohne Feindseligkeit anerkennt. Und genau die Tatsache der doppelten Lebenszeit unterscheidet signifikant die Weise, in der die länger lebende Gruppe das Leben und ihree Beziehungen zur Umwelt betrachtet.

Frauen, welche wegen ihrer physischen Natur eine andere Beziehung zu Kindern haben als Männer, und welche, wie ich glaube, sich tiefer mit der Umwelt fühlen als Männer, haben gezeigt, daß sie das Leben und die Rolle der menschlichen Art aufgrund von Erfahrungen und Wahrnehmungen kennen, die Männer nur aus zweiter Hand besitzen. Historisch haben sie nicht so bereitwillig objektiviert, und sie haben ein mehr gruppen-orientiertes und weniger gewalttätiges Verhalten gegenüber Menschen und der Welt, in der wir leben, an den Tag gelegt als die Männer es getan haben. Ich würde nun erwarten, daß, in Hinblick auf diese Selbstverständlichkeit, Männer in der Lage sind, ohne Abwehrhaltung die Weiblichkeit der menschlichen Gattung anzuerkennen, und ebenso ihre eigene Rolle, die in der Unterordnung besteht.

Vielleicht irre ich mich. Vielleicht gibt es keinen Weg, die Feindseligkeit zu verhindern, welche die Männer erfüllen würde, wenn sie die Frau als vorrangig anerkennen "müssen". Vielleicht ist das Beste, was man in diesem Falle tun kann, sich damit abzufinden; außerdem, damit ein Sichtwechsel sich vollziehe, sich zuzugestehen, daß es sich dabei lediglich um einen Machtwechsel handelt, und daß die Frauen die Männer durch Lügen, Ideologien und Umerziehung in Schach zu halten hätten. Tatsächlich aber glaube ich nicht, daß Lügen und Ideologien erfunden werden müßten; die Wahrheit des weiblichen Primats, sobald sie einmal sich wieder durchgesetzt hat, ist ausreichend und würde solche Erfindungen unnötig machen. Und der "Wechsel" dürfte mehr eine Wiederherstellung natürlicher Verhältnisse in einem Umweltprozeß sein. Aber auch wenn wir am Anfang eine solche Ausdruckweise benutzen müssen, bin ich bereit zu erklären - zum erstenmal in meinem Leben als Feministin -, daß wir beginnen sollten, an einen Wechsel zu denken, an einen Machtwechsel, an die Schaffung der Ideologie der weiblichen Vorrangigkeit und Kontrolle. Die einfache Gerechtigkeit besagt, daß, wenn Männer so viele tausend Jahre an der Macht waren und ihren Job, die Gesundheit von Mensch und Umwelt zu sichern, so schlecht erfüllt haben, daß es dann an der Zeit ist, der Alternative eine Chance zu geben.

Der beeindruckendste Einwand gegen die Idee des weiblichen Primats verweist auf diejenigen Frauen, die Macht innnerhalb des männlichen Systems gewonnen haben; die grausam, rücksichtslos oder gewalttätig wurden oder zumindest die sehr zerstörerischen Werte übernommen haben, welche die Frauen, gemäß dieses Programms, eigentlich überwinden müßten. (Der weibliche Gouverneur von Washington plädiert für Genpflanzen, Englands Premierminister will von Kollektivmacht Abstand nehmen, Phyllis Schlafly widersetzt sich der Abtreibung, und der weibliche Major meiner eigenen Stadt legt sein Veto gegen Überwachung der Mieten ein.) Würde der weibliche Teil der Menschheit, sobald er seine Chance bekommen hat, die Gewalttätigkeit des Patriarchats wiederholen? Ich meine: Nein. Diesbezüglich nehme ich an, daß das System selber dafür sorgt, daß wer auch immer in ihm verbleibt, von dessen Gebrechen mit erfaßt wird. Wenn wir sehen würden, wie Frauen wirklich Macht und Regierung ausüben, dann laßt sie ihre Fähigkeiten in einem System beweisen, das sie sich selbst konzipieren aufgrund ihrer eigenen Wertvorstellungen. Es hat seit Beginn der männlichen Vorherrschaft niemals eine anti-patriarchale Frau an der Macht gegeben, höchstens Frauen, die Marionetten von Männern waren, die hinter der Szene standen, oder Frauen als Schachfiguren von männlichen Geschäftsinteressen.

Zu sagen, wenn Frauen die Gelegenheit zu einer solchen Macht hätten, dann würden sie sie ausüben, wie Männer es getan haben, heißt zu unterstellen, daß Männer ihre patriarchale Macht nur durch Glück oder Zufall gewonnen hätten. Allein die Tatsache, daß Frauen unterdrückt waren, müßte ihren Widerwillen, Gewalt auszuüben selbst angesichts wachsender männlicher Kontrolle, bezeugen. Frauen sind sicher in der Lage, Waffen zu tragen, sich selbst und ihre Nachkommen zu verteidigen, sich zu üben im Krieg oder in der Politik, genau wie Männer auch. Aber meiner Erfahrung nach wählen Frauen nicht, gewalttätig zu werden, besonders in der breiten Skala von Gewalt, aus der Männer anscheinend wählen. Zu sagen, daß Frauen die Macht mißbrauchen würden, so wie Männer es getan haben, heißt, das Risiko des Standpunktwechsels zu vermeiden, trotz der Botschaft, welche uns die Geschichte vermittelt, wonach Frauen diese Macht weniger gewalttätig einsetzen.

Ein letzter Einwand: Es gibt einen inneren Widerspruch in der Idee der Herbeiführung einer "weiblichen Zukunft". Denn wenn auch einige Frauen in den USA und in Europa den Bedarf nach einem solchen Ziel artikulieren würden, so wohnt doch die Mehrheit der Frauen weltweit in sehr verschiedenen Gegenden. Wie können wir erwarten, daß diese Frauen, die nicht dieselben Formen kultureller Beeinflussung kennen, wie wir sie seit Jahrhunderten erlebten, sich für eine weibliche Zukunft erwärmen? Wer will sich ins Innere der afrikanischen und arabischen Länder begeben und die Genitalverstümmelung anhalten? Welches Recht hat die westliche Kultur, haben selbst Frauen der westlichen Kultur, zur Frage purdah, suttee, Mädchentötung? Selbst der berechtigste Zorn und das Mitleid, das wir für Frauen haben, rechtfertigt nicht, anderen Kulturen unsere Standards aufzuerlegen.

Verschiedene Fragen ergeben sich für mich in dieser Hinsicht. Erstens: Wir verkaufen die Frauen anderer Nationen für dumm, wenn wir ihnen unterstellen, daß sie sich ihres Status als Frauen nicht bewußt seien. Mit der Verstärkung ökonomischer Probleme gibt es zuviel Rumoren in außereuropäischen Ländern, um sie anzuregen, daß Frauen ihre Macht kennenlernen und keine Befreiung bräuchten durch eine auswärtige Kraft. Zweitens: Bewußtwerdung kann nicht angehalten werden durch Polizeipatrouillen, und selbst Konsumismus und fortgeschrittene Technologie können uns behilflich sein, etwas über das Leben der Frauen in der Welt zu erfahren, über die Vorzüge und Einschränkungen im Leben verwestlichter Frauen. Wenn es wahr ist, daß Frauen eine universelle Empfänglichkeit haben für das Land und die Luft und die Energie, mit der sie leben, und wenn es wahr ist, daß es eine Verbindung gibt zwischen dem kritischen Punkt einerseits, an dem die Erde an ihre Grenzen ihrer Ressourcen gelangt ist, und dem weiblichen Bewußtsein davon anderseits, dann dürfte die Flut des weiblichen Zorns ausmünden in eine Antwort auf diese Lebensbedingungen. Wir können hier in unseren englischen Worten über eine weibliche Kultur reden, aber es könnten die Frauen anderer Nationen sein, die uns letztlich in den bedeutendsten Schritten der Zukunft entgegenführen. Zuletzt: Die Natur scheint uns unmißverständliche Signale zu geben, daß die Menschen anfangen müssen, über sich selbst nachzudenken nicht als Nationen oder als Beschäftigte mit Loyalitäten zu diesem oder jenem multinationalen Konzern, sondern als einzelne Individuen in Beziehung zu ihrer Umwelt. Mehr als zu allen anderen Zeiten in der Geschichte ist "Loyalität" dabei, ein Begriff zu werden, der anzuwenden ist auf die Menschheit als ganze - und wiederum ist "Loyalität" vielleicht nicht so ganz der richtige Ausdruck: Vielleicht ist es "Einfühlung". Kommunikation zwischen "Nationen" nicht-patriarchaler Frauen eröffnet den natürlichsten, wirkungsvollsten, und revolutionärsten Weg zur globalen Einheit.


II

Wenn wir eine weniger gewalttätige Welt haben wollen, muß die Verantwortung für die Menschheit in jeder Kultur den Frauen zurückgegeben werden, das ist festzustellen. Frauen müssen wieder das Sagen haben über die richtige Größe und Beschaffenheit der menschlichen Rasse. Es gibt keinen Weg, dies zu erreichen, ohne unserem Begehen von sehr gewohntem Boden. Der ganze Feminismus der letzten zwei Jahrhunderte handelt von der Befreiung der Frauen von ihrer Rolle als Sexualdiener des Mannes; selbst um uns dem Ort anzunähern, wo die körperliche Freiheit der Frau gegeben ist, haben wir alle ökonomischen und psychologischen Fragen zur männlichen Herrschaft zu stellen. Aber wenn sie einmal die Kontrolle über ihre eigenen Körper haben, werden die Frauen genau in der kritischen Position sein, die nötig ist, um ihre wesentliche Verantwortung zu fordern: der Überwachung der menschlichen Fortpflanzung. Gewiß muß die Furcht vor dieser Entwicklung ein Teil der männlich-identifizierten Kräfte sein, die sich den Reproduktionsrechten der Frau gerade heute widersetzen. Wir sind jetzt am Verhandeln über die grundlegenden gesellschaftlichen Werte und über das fundamentale Regelwerk der ganzen Frauenbewegung.

Den Frauen die Verantwortung über die Menschheit zurückgeben heißt in sehr praktischen Worten, daß die erotische und reproduktive Initiative den Frauen überall auf der ganzen Erde zu überlassen ist. Die Aufgabe ist uns vertraut, wir müssen uns lediglich unserer selbst vergewissern in Hinblick auf die folgenden Gesichtspunkte. Gib die Entscheidung über den Geschlechtsverkehr vollständig in die Hände jeder Frau, wo und mit wem und wie oft er stattfinden wird, unter welchen Umständen und mit welcher physiologischen Wirkung für ihren Körper. Gib die Entscheidung allein der Frau, wie und wie oft sie geschwängert wird, und ob durch heterosexuellen Verkehr, künstliche Befruchtung oder einer Form von Eiverschmelzung. Gib jeder Frau das unveräußerliche Recht zu bestimmen, was aus irgendeinem befruchteten Ei wird, und die Zahl der Kinder festzulegen, die sie mit ihrem Körper hervorbringen möchte. Beginne jetzt die religiösen und finanziellen Interessen zu bekämpfen und bloßzustellen, die sich der körperlichen Freiheit der Frau widersetzen. Führe ein und sichere weltweit die Auflösung von genau den Sitten, welche die körperliche Versklavung der Frau absichern. Gewähre jeder Frau unverzüglich das Recht auf Abtreibung auf ihr Verlangen, das Recht, jedes Kind zu behalten, das sie behalten will, ihr Recht zur Geburtenkontrolle und auf Freiheit von erzwungener Sterilisation, ihr Recht, andere Frauen sexuell zu lieben. Garantiere ihr Schutz vor Vergewaltigung, Prügel, Genitalverstümmelung, sexueller Versklavung, die den Frauenhandel zu einem weltweit blühenden Geschäft macht. Zerstöre die Mythologien, welche die weibliche Schwäche betonen im Kontrast zur brutalen Strenge einzelner Männer oder institutionalisierter männlicher Macht. Befreie Frauen aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Männern, die sie anweist, "ja" zum Sexualakt zu sagen, sei es als Ehefrau oder Prostituierte. Vernichte alle männlichen Regeln im Vorgang der menschlichen Fortpflanzung. Schaffe und schütze alternative Strukturen der Wirtschaft und psychologischen Unterstützung für unabhängige Frauen - Frauen, die nicht an Männer gebunden sind -, die Kinder gebären und aufziehen.

Wir sind der Wirklichkeit weiblicher Freiheit vielleicht näher als wir denken. Gerade die Tatsache, daß überall auf der Welt in der einen oder anderen Form des Protests Frauen sich ihrer Unterdrückung bewußt werden, läßt vermuten, daß ein altes Darwinsches Prinzip auftaucht: Die Art muß sich anpassen, oder untergehen. Kein anderes weibliches Wesen innerhalb der Arten hat dermaßen unter den Angriffen des männlichen Geschlechts gelitten wie die Menschenfrau. Kein anderes hat dermaßen gelitten unter der Inbesitznahme seiner natürlichen Funktionen. Kein anderes ist duch sein männliches Gegenstück gezwungen worden, nicht nur die eigene Art zu gefährden, sondern das Leben jeder Art auf der Erde. Das weibliche Wesen, Vermittler des Lebens, muß sich die Macht zurückholen, die ihm entrissen worden war: ihre rechtmäßige Macht, die Größe und die Qualität des Lebens innerhalb der menschlichen Art zu bestimmen.

Andere Säugetiere leisten eine bessere Arbeit der Fortpflanzungs-Regulierung als Menschen es tun. Wenn das Umfeld nicht durch Menschen verunreinigt ist, erhält eine Anzahl von Arten sich selbst, ohne über die vorgegebene Ernährungsgrundlage hinauszuwachsen. Wenn Entenschwärme jedes Jahr genausoviel zählen, gleich, ob zwei von ihnen sterben oder zehn, so sollte das menschliche Tier, besonders wegen unserer hochgelobten "Intelligenz", in der Lage sein, sich selbst zu regulieren. Aber die menschlichen Weibchen haben die Freiheit, über ihre eigenen Reproduktionsvorgänge zu entscheiden, viel weniger als andere Arten; und das schlimme Ergebnis ist, daß die Erde unter dem Gewicht einer übermäßig vermehrten - und sehr gewalttätigen - Art leidet, die sich "Menschheit" nennt. Eine weltweite Verminderung von Menschen auf ungefähr ein Zehntel der gegenwärtigen Anzahl und eine Stabilisierung dieses Ergebnisses würde unsere Art auf ein Maß, das der Umwelt angemessen ist, zurückführen.

Die patriarchale Lüge ist, daß es die Frau sei, welche die Überbevölkerung verursacht. In Wirklichkeit ist die Überbevölkerung das direkte Ergebnis männlicher Kontrolle über weibliche Körper. Männer haben den Frauen ihr "Recht" auf unbegrenzten Geschlechtsverkehr auferlegt. Sie haben dieses "Recht" und diese Praxis geschützt durch die sorgfältige Konstruktion ganzer gesellschaftlicher Einrichtungen: Heirat, Inzest, Vergewaltigung, Zwangs-Heterosexualität, Pornografie, Prostitution, die Kern-Familie, die Kirche, das Recht, Medizin und Psychiatrie, um nur die augenfälligsten Verbrechen aufzuführen. Männer haben sogar uns glauben gemacht, daß sie ein Recht auf unsere Körper hätten.

Die Rückgabe der erotischen und reproduktiven Rechte an die Frauen und eine automatische Festlegung der Bevölkerung wird in Kraft treten. Frauen wollen die Anzahl der Kinder austragen, von der sie wissen, daß sie in Einklang steht nicht nur mit ihrer sozialen Gruppe, sondern auch mit dem ökologischen System. Sie wollen die Kinder nicht austragen, weil ein Mann nur seinen Namen oder den Familienbesitz an seinem Eigentum erhalten will; sie wollen die Kinder nicht austragen, weil sie überzeugt wären, daß ihre einzige Rolle die der gehorsamen Gattin und Mutter sei; Frauen wollen die Kinder nicht haben, weil Männer denken, daß sie nötig seien, um die Sippe oder die Religion oder die spezifische Kultur zu verewigen. Hingegen wollen sie die Kinder austragen, die sie selber wollen, für die sie selber aufkommen können, und die ihrer Einschätzung nach gewollt sind durch ihre eigene Gruppe und der ganzen Menschheit.

Wenn wir die Anstrengungen des Patriarchats zur Bevölkerungskontrolle betrachten, werden wir konfrontiert mit endlosen Geschichten von Sklaverei, Völkermord und Frauenhaß. Was die kolonisierten Völker betrifft, so sind sie durch erzieherische und später technologische Modelle westlicher Zivilisation überschwemmt worden. "Bevölkerungskontrolle" bedeutete, daß weiße Männer die Fortpflanzung von weniger mächtigen Völkern manipulierten, manchmal durch Appelle, mehr Babys zu produzieren (wenn der Arbeitsmarkt sie braucht, wenn sie billig gekauft und teuer verkauft werden können), manchmal auch umgekehrt durch Festschreibung unbedeutender Gruppen auf eine geringe Dichte, entweder durch erzwungene oder heimliche Sterilisations-Praktiken; oder durch Propaganda zur Geburtenkontrolle, die auf Zerstörung der Familienstrukturen abzielte; oder durch beides. Die Gewalt, die weiblichen Körpern angetan wird, wenn die Bevölkerungskontrolle in den Händen von Männern liegt, ist mittlerweile bekannt - die Pille, das Intrauterinpessar, die Eileiterverbindung, die Gebärmutterentfernung - wohingegen die Vasektomie oder die Pille zur männlichen Geburtenkontrolle unveröffentlicht und unerforscht bleibt. Die Männerwelt verlangt, daß Männer andere Kulturen - und vor Allem Frauen - beherrschen. Niemals haben Männer aufgerufen, ihre Potenz zu mindern, selber die Verantwortung zu übernehmen für eine gesunde menschliche Bevölkerung, obwohl genug Geld vorhanden ist, um menschliches Leben zu manipulieren. Es sind in erster Linie Frauen, die den Preis für die Manipulationen der Männer zahlen.

Es ist notwendig, daß die Verringerung der Bevölkerung niemals einer Gruppe überlassen wird, sondern daß "wir" "unsere" Bevölkerung reduzieren, jede Kultur für sich, ungestört durch koloniale Einflüsse, monitäre Interessen oder durch Forderungen, die sich aus kultureller Überfremdung ergeben. Nochmals, wir haben zu vertrauen auf die Geister der Frauen aller Nationen und ebenso auf den Informationsfluß unter uns, um die Fehler in der Geschichte der Männer zu vermeiden. In jeder Kulturen müssen Frauen mit der Durchführung von Veränderungen beauftragt werden: Frau-identifizierte Frauen, keine Frauen, die Marionetten der Männer sind; keine Frauen, die, aus Furcht vor Verlust ihres Lebens oder das ihrer Kinder, noch festhalten an den Sicherheiten der patriarchalen Kultur; sondern Frauen, die absolut frei sind von Zwängen, frei von männlichem Einfluß, vielmehr dem Prinzip verpflichtet, daß das Recht auf die Regulierung der Menschheit nur ihnen zukommt, und nicht Vorrecht irgendeines Mannes ist.

Der männliche Einwand gegen die körperliche Freiheit von Frauen sowie deren Herrscher-Amt über die Menschheit dürfte darin begründet liegen, daß sie ihre eigenen Rechte, das Recht, ein Kind zu haben, das Recht auf das Ergebnis ihres eigenen Samens, verlieren. Obwohl das natürlich nicht ganz wahr ist, bleibt das wirkliche Argument bestehen: Außer durch Zustimmung einer Frau wird kein Mann imstande sein, ein Kind zu zeugen, und das bedeutet einen bedeutenden Verlust ihrer jetzigen Macht. Ich habe diese Ungerechtigkeit gründlich diskutiert, und ich habe mit Männern über diese tief gefühlten Wünsche, ein Kind "ihr eigen" nennen zu können, gesprochen. Ich stelle diesem Wunsch seitens der Männer die mehr gemeinschaftlich orientierten Wünsche auf Seite z.B. der lesbischen Mütter oder der "Single-Mütter" gegenüber, den "Besitz" über das Kind zu teilen, und weiter zu gehen bis zur Anerkenntnis von drei, vier,fünf und sieben Eltern für ein Kind. Ich stelle dem individualisierten Wunsch nach "mein-Kind" (einschließlich mein-Eigentum, mein-Name, meine-körperlichen-und-seelischen-Eigenschaften) den Wunsch der lesbischen und der "Single"-Mütter gegenüber, ausgedehnte Familien zu gründen, und ich tue dies in dem Glauben, daß Frauen natürlicherseits mehr zu gemeinschaftlichen und kooperativen Strukturen hinstreben als Männer.

Auf den schmerzerfüllten Aufschrei der Männer, daß sie nicht mehr das Recht auf "ihre" Kinder haben werden, antworte ich: Das ist wahr. Männer sollten sich zufriedengeben mit der Liebe und der Fürsorge zu den Kindern der Gemeinschaft. Aber wenn wir den Männern ein "Recht"nehmen, dann sollten wir uns daran erinnern, daß es sich um ein Recht handelt, das sie brutal mißbraucht haben. Das fundamentalere Recht muß auf die Person übergehen, für die körperlich mehr auf dem Spiel steht, und das ist die Frau. Wenn wir das Risiko eingehen, Männern irgendein "Recht" zurückzugeben, riskieren wir, daß sie sich alles wieder nehmen werden.

Wenn wir eine Welt hätten, in der die Frauen über ihre eigenen Körper und deren Ergebnisse selbst verfügen, eine Welt, in der die heiligste Überzeugung, die ein Mann besitzt, in seinem Glauben an die Notwendigkeit weiblicher Herrschaft über ihren Körper besteht, wenn wir eine Welt hätten, in welche der Wert der weiblichen Freiheit und Verantwortlichkeit die Grundlage der Kultur bilden würde, dann würden wir eine Welt haben, die grundlegend verschieden ist von der gegenwärtigen Welt mit ihrer Gier und Gewalttätigkeit. Der Widerstand gegen die Vorstellung von der körperlichen Freiheit der Frau macht die Notwendigkeit einer universalen Veränderung deutlich, und zwar in Richtung eines weiblichen Wertesystems, einer weiblich begründeten Zukunft. Die Wiederaufwertung des Weiblichen muß einhergehen mit der Beseitigung der Einschränkungen ihres Körpers; eins ohne das andere kann nicht zum Erfolg führen. Wesentliche Einstellungen für die Lösung der Weltprobleme würden, so glaube ich, ausgehen von einem Wertewandel und von der weiblichen Freiheit, die diesen Wandel begleitet.


III

Aber selbst wenn der weibliche Körper schließlich befreit und eine weibliche Zukunft gesichert wäre, und selbst wenn die [menschliche] Rasse eine besser angepaßte und sanftere Beziehung zu ihrer Umwelt hätte, dann wäre die erreichte Absenkung des Niveaus von Gewalttätigkeit, Rivalität und Entfremdung damit noch nicht unter Kontrolle. Zur Absicherung einer Welt der weiblichen Werte und weiblicher Freiheit müssen wir, so glaube ich, ein weiteres Element der Zukunfstgestaltung hinzufügen: Der Anteil der Männer im Verhältnis zu Frauen muß radikal gemindert werden, so daß Männer ungefähr zehn Prozent der gesamten Bevölkerung ausmachen. Dies wäre zu bewerkstelligen nicht durch traditionelle männliche Methoden des Krieges oder der Hinrichtung, sondern im Bemühen, ohne Verlust an Menschleben auszukommen. Ferner hätte es zu geschehen in den betreffenden Kulturen selbst, ohne Intervention von außen.

Wenngleich die Frauen weltweit immer mehr ihre Rechte fordern, so sind es immer noch Männer, welche gegenwärtig die Macht haben und sie anwenden. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, daß die Frauen die Macht zeitig gewinnen könnten. Die Männer hätten die Notwendigkeit ihrer zahlenmäßigen Begrenzung einzusehen. Sie selbst, welche die am stärksten betroffene Gruppe bilden, müßten einleitend die Verantwortung übernehmen und die Führer sein in Erziehung und Bewußtseinsbildung. Wo Männer Teil von Männerbünden waren, müßten sie nun die Menschheit erkennen als ein Ganzes und hinstreben zur Bejahung einer weiblichen Zukunft und zur Erhaltung der Menschheit.

Wir können sicher sein, daß Menschen durch eine Verminderung ihres männlichen Anteils anderen Arten in vorteilhafter Weise nacheifern würden. Sehr wenige, wenn überhaupt welche von ihnen, haben einen so großen männlichen Populations-Anteil wie der homo sapiens. Darüber hinaus ist die Reduktion der Männer notwendig, weil Männer schneller und intensiver zur Gewalt neigen als Frauen, und zwar sowohl gegen sich selbst, als auch gegen andere - Frauen, Tiere, die Erde. Ob von Natur oder aufgrund von Erziehung: Gewalttätige und verletzende Handlungen sind weltweit - und in die Vergangenheit soweit zurückreichend, als die geschichtlichen Dokumente uns das erlauben - an das männliche Geschlecht gebunden, sei es inform von Krieg, Vergewaltigung, Gladiatorenkämpfen, Hahnenkämpfen, oder Stierkämpfen. Dieser Sachverhalt ist schwer zu leugnen. Und abgesehen von der Geschichte legen neuere soziologische Studien (so wie die von Paul Erlichs Übervölkerungs-Experimente der späten sechziger Jahre) nahe, daß Männer als Individuen mehr gewalttätig und kräftemessend sind als Frauen.

Aber die Gefahr bilden nicht einzelne Männer, denn sie können sich der männlichen Rolle versagen und sind sicherlich fähig, sich Fürsorglichkeit und Einfühlungsvermögen anzueignen. Die wirkliche Gefahr liegt im Phänomen der Männerbünde, dem Engagement von Männergruppen sowohl in einer Armee, einer kriminellen Bande, einem Dienstklub, einer Loge, einem Kloster, einer Korporation, oder einem Kampfsport. Diese eng gewobene Machtstruktur bestimmt gegenwärtig die patriarchale Gesellschaft; sie kann in ihren Rängen bestenfalls Abziehbilder von nicht-dominanten Gruppen dulden - in der westlichen Kultur sind das dunkelfarbige Menschen, und zuallerletzt Frauen. Ein großer Teil der Energie jeder Männergruppe wird eingesetzt in der Abwehr von Frauen und in der Verächtlichmachung weiblicher Werte und Qualitäten. Über Frauen werden Witze gerissen, ihre Erfahrungen und ihre Gefühle werden trivialisiert. Der Erfolg von Männergruppen beruht auf Abschottung und auf ständiger Verächtlichmachung anderer. Wenn solche Bünde ausufern in der Zahl entsprechender Männer, ist die resultierende Macht nicht mehr zu überbieten. Wenn Männer in ihrer Zahl reduziert wären, würde ihre Bedrohung nicht mehr so groß sein, und die Zuordnung des Weiblichen zu menschlicher Verantwortung ließe sich absichern.

Einige haben gefragt: Warum nur eine Reduktion auf zehn Prozent angesichts der unwiderstehlichen Neigung der Männer zur Gewalt? Warum nicht besser gar keinen Mann? Ich nehme diese Frage sehr ernst. Erstens: Ich habe kein Bedürfnis (und ich kenne wenige Frauen, die es haben), Männer als Gruppe abzutun; ich kann mich nicht zur völligen Überzeugung durchringen, daß Männer, trotz ihres Verhaltens, nicht mehr zu retten wären; im Moment, wo ich dieser Überzeugung nachgebe, würde ein sehr sanfter und liebesfähiger Mann, frau-identifiziert oder "sissy"-identifiziert, erscheinen als jemand, der meine Überzeugung Lügen straft. Zweitens: Geschlechtsverkehr ist der einfachste Weg zur Fortpflanzung und ein solcher, den manche Frauen bevorzugen; diese Frauen müssen die Freiheit haben, ihn zu wählen. Schließlich müssen wir zehn Prozent aufrecht erhalten aus dem einfachen Grunde, daß ich mich irren könnte; wir könnten entdecken, daß Gewalt mit der Reduktion von Männern nicht verschwindet, und daß für die menschliche Art jedenfalls das gegenwärtige 47%-Verhältnis von Männern angemessener ist.

Wir kommen jetzt zu einem kritischen Punkt: Wie ist eine solche Reduktion der männlichen Bevölkerung durchzuführen? Eine Möglichkeit ist natürlich der männliche Kindermord (male infanticide). Er unterscheidet sich sehr wenig von dem weiblichen Kindermord, der in manchen Kulturen augenscheinlich selbst im zwanzigsten Jahrhundert durchgeführt worden ist. Solch eine Alternative ist einfach unangenehm und würde keine wirkliche soziale Veränderung bedeuten.

Klonen, ein Vorgang, der seinerseits die Antwort ängstlicher Wissenschaftler auf die weibliche Fähigkeit des Hervorbringens von Leben ist, bringt keinen gemischten Genpool hervor. Aber ein anderer genetischer Durchbruch könnte eine Möglichkeit sein: Ei-Verschmelzung, die Verbindung zweier Eier, scheint heute nicht nur möglich zu sein (nach Pierre Souparts Erfolg mit Mäusen in Vanderbilt 1979), sondern wahrscheinlich. Menschenfrauen stellen sich bereits für solche Experimente zur Verfügung. Obwohl die Technologie mit dieser Verschmelzung Schwierigkeiten hat, ist die Möglichkeit ihrer Vervollkommnung bedeutend, daß unter solchen Umständen ausschließlich Mädchen produziert werden; wenn Frauen die Freiheit über ihre Körper gegeben ist, dann dürften sie diese Alternative in genügend großer Anzahl wählen, um eine signifikante Differenz im Verhältnis von Männern und Frauen herzustellen. Ein 75:25-prozentiges Frau-Mann-Verhältnis könnte in einer Generation erreicht werden, wenn die Hälfte einer Population sich heterosexuell fortpflanzt, und die andere Hälfte durch Eiverschmelzung.

So eine Aussicht ist anziehend für Frauen, die fühlen, daß, wenn sie Söhne austragen, keine Liebe und Fürsorge und antisexistisches Training diese Söhne vor einer Kultur bewahren wird, wo männliche Gewalt institutionalisiert und anerkannt ist. Diese Frauen sagen: "Keine Söhne mehr. Wir wollen keine zwanzig Jahre unseres Lebens hergeben, um einen potentiellen Vergewaltiger, einen potentiellen Schläger, einen potentiellen Big Man aufzuziehen."

Es ist bezeichnend, daß wenig oder gar kein Geld für die Forschung zur Eiverschmelzung bereitgestellt wird. Die Bedrohung, welche mit dem männlichen Verhaltenskodex, mit dem männlichen Ego und mit dem männlichen Herrschaftssystem vorliegt, ist außerordentlich und zeigt an sich schon die Arbeit, die noch getan werden muß in der Erziehung des Mannes - und in der Erziehung der Frau, die immer noch, um zu überleben, männliche Standards anerkennen muß. Auch wenn wir die nötigen Veränderungen durchführen, dann ist die finanzielle Unterstützung der Forschung zur Eiverschmelzung nur ein Teil des Bildes. Wir müssen beginnen, unsere Einstellungen gegenüber Frauen zu verändern, welche sich den patriarchalen Begrenzungen ihrer Mutterschaft widersetzen - den Single-Müttern, den lesbischen Müttern, den Frauen, die Kinder in Frauengruppen aufziehen -; damit diese Frauen die Verantwortung für die Menschheit übernehmen, damit sie sich fortpflanzen ohne männlichen Einfluß, und das mit dem Bewußtsein von den Bedürfnissen der ganzen menschlichen Rasse.

Eine wachsende Zahl von Frauen fühlt, daß noch eine andere Methode zur Sicherung der männlichen Teilbeseitigung möglich ist: Wenn die Entscheidung zur Fortpflanzung an die Frauen zurückgegeben wäre, und wenn weibliche Werte die Werte der Gesellschaft wären, dann würde das natürliche Verhältnis von Frauen zu Männern bedeutend höher [zugunsten von Frauen ausfallen]. Der gegenwärtige 47%-Männeranteil ist, so glauben sie, herbeigeführt durch den hohen Wert, der den Männern im weltweiten patriarchalen System zugemessen wird. Frauen überleben gegenwärtig, indem sie Söhne produzieren; an manchen Orten hängt ihr Überleben buchstäblich davon ab. Wenn kinderaustragende Frauen von diesem Zwang befreit würden und ihnen erlaubt würde, weibliche Werte zu leben, ja Töchter in weit größerer Zahl als Söhne zu wünschen, würden sie wohl auch einen viel größeren Anteil an Mädchen hervorbringen. Obwohl Frauen gegenwärtig das Geschlecht der Kinder nicht bestimmen können, glauben einige, daß, wenn Frauen die Freiheit über ihre Körper hätten, diese Kontrolle nahezu fehlerfrei sein würde. Es bleibt abwarten, ob mit einem veränderten Geschlechterverhältnis unter Erwachsenen auch das Geschlechterverhältnis unter Neugeborenen sich ändern würde.

Auch wenn wir nicht wissen können, ob eine weibliche Zukunft die Welt retten würde, haben wir nichts zu verlieren, wenn wir handeln, als wenn es so wäre. Auch wenn die Rückgabe der körperlichen Rechte an die Frauen nicht den entscheidenden Unterschied bewirken sollte, haben wir nichts zu verlieren, doch alles zu gewinnen, indem wir handeln, als wenn es so wäre. Auch wenn wir die Ursache von Degradierung oder Gewalt noch nicht aufgedeckt haben, haben wir nichts zu verlieren, und alles zu gewinnen durch Annäherung an das Problem, so als wenn es verursacht wäre durch das Übermaß von Männern innerhalb der menschlichen Art.

Wenn wir von einer weiblichen Zukunft sprechen und ihren zu erwartenden Formen der weiblichen Verantwortung für die Menschheit und von der Verringerung der Männer auf 10% der Bevölkerung, so sprechen wir nicht über Frauen, die ihre Moral oder ihre Werte den Männern auferlegen. Wir sprechen nicht über irgendwelche Gewalttaten. Wir sprechen nicht über die willkürliche Auswahl von unschuldigen Opfern, oder sogar, notwendigerweise, über die Erhebung einer Gruppe auf Kosten einer anderen. Wenn wir über die weibliche Zukunft sprechen, dann sprechen wir über etwas, das einmal existierte, und das absichtlich und in voller Bosheit mit derart gewalttätigen Mitteln unterdrückt wurde, daß kein nicht-aggressives Wesen auf [erfolgreichen] Widerstand hoffen könnte. Wir spechen hier über die Macht von Frauen, die von jeder Frau irgendwann in ihrem Leben gefühlt wird, diese gewaltige reiche und lebensspendende, lebensbejahende Kraft, die für Männer und Frauen gleichermaßen wirkt, für die Erde und ihre Lebewesen ebenso wie für die menschliche Art. Wenn wir über die weibliche Zukunft sprechen,so sprechen wir über eine Kraft, die verleugnet, versteckt, trivialisiert, verlacht und unterdrückt wurde. Das ist, worin die Gewalt liegt - in der minütlichen und täglichen Unterdrückung genau derjenigen Kraft, die uns allen das Leben gibt. Eine weibliche Zukunft bedeutet die Herausforderung und die Vernichtung dieser Gewalt.

Aber die Zeit ist kurz. Und es könnte sein, daß die Menschheit nicht in der Lage ist, sich schnell genug umzustellen. Aus diesem Grund ist es zwingend notwendig, daß der Aufgang der weiblichen Zukunft nicht Frauensache bleibt, sondern ebenso eine Tat auf der Seite der Männer - eine Männerbewegung, die nicht darin endet, die Frauen zu unterdrücken, sondern die ernsthaft ihre gewaltige männliche Kraft leiht zur Beschleunigung des weiblichen Aufbruchs. Wir können darauf rechnen: Es wird für uns alle die entscheidendste, die weitreichendste Tat sein, wenn Frauen und Männer einander verstehen. Es würde die letzte Tat sein, die wir zusammen unternehmen. Dafür wird es klarer mit jedem Augenblick: ENTWEDER DIE ZUKUNFT IST WEIBLICH ODER ES GIBT SIE NICHT .


Sexistinnen-Pranger