Sexistinnen-Pranger

Sexistinnen-Pranger


Mary Daly (1928-2010)


Mary Daly

Mary Daly (gest. am 3.1.2010) ist eine feministische Theologin und gilt - laut "Wikipedia" - als die bedeutendste radikale Feministin des 20. Jahrhunderts. In einem Interview mit dem EnlightenNext Magazine aus dem Jahre 1999 äußerte sie sich wie folgt:

"Ich denke, es ist überhaupt keine schlechte Idee [den Anteil der Männer auf etwa 10 % der menschlichen Rasse zu reduzieren und festzuschreiben, gemäß der Forderung von Sally Miller Gearhart]. Wenn Leben heißt, auf diesem Planeten zu überleben, dann bedarf es einer Entseuchung dieser Erde. Ich meine, dies wird begleitet werden durch einen evolutionären Prozeß, der zu einer drastischen Reduktion der männlichen Bevölkerung führen wird."

Ich werfe ihr vor:

  • Aufruf zum globalen Androzid.

In Anbetracht, daß die Professorin Daly einen sehr weitreichenden Einfluß ausgeübt hat und wohl immer noch ausübt - auch bei deutschen Feministinnen! -, sollte man die Wirkung von Aussagen wie der oben zitierten nicht unterschätzen. Die Parallele zur Rassen-Ideologie des Nationalsozialismus in Deutschland ist jedenfalls unverkennbar. Dalys Aussagen über den Wert der Männer stehen an Deutlichkeit den Aussagen, die Hitler über den Wert der Juden gemacht hat, keineswegs nach, ja übertreffen sie noch.

In einem Nachruf hat die Schweizer Theologin Ina Praetorius Mary Daly in einem Nachruf verherrlicht.

Im Folgenden gebe ich meine vollständige - eingestandermaßen unvollkommene - Übersetzung des oben verlinkten Interviews.

Kein Männerland

Ein Interview mit Mary Daly

von Susan Bridle

Einführung

"Selbst wenn ich allein auf der Welt wäre, ich würde immer noch eine Radikalfeministin sein !" erklärt die revolutionäre Feministin Mary Daly in ihrem letzten Buch, Quintessence. Beschrieben sowohl als "eine Prophetin" als auch als die "Grande Dame der feministischen Theologie", hat Daly während mehr als dreißig Jahren ihren alles erweckenden Atemhauch einer einzigen Aufgabe gewidmet: patriarchale Strukturen zu erkennen, zu benennen und zu sezieren, um Geist und Körper der Frauen von ihrem Druck zu befreien. Als eine der meistverehrten Visionärinnen der zeitgenössischen Frauen-Befreiungsbewegung ist Daly, welche über sechs akademische Grade, einschließlich dreier Doktortitel in Religion, Theologie und Philosophie verfügt und weltweit Vorträge hält, Autorin von sieben bahnbrechenden Werken der feministischen Philosophie und hat vieldiskutierte Frauenkurse am Boston College gehalten. Daly, deren illustre Karriere nicht frei von Kontroversen ist, macht in diesem Jahr Schlagzeilen, weil das Boston College sie gegenwärtig unter dem Druck einer konservativen Regierung angewiesen hat, männliche Studenten in ihre Hörsäle zu lassen - oder ihre Arbeit niederzulegen. Der Boston Globe beschreibt Dalys jüngsten Widerstand gegen die von Jesuiten dominierte Institution - von dem sie nicht abrückt - als "einen Kampf um Prinzipien, ein Finale einer Karriere, die nichts weniger erstrebt hat, als den Lauf der globalen Zivilisation zu verändern."

Als wir vor sechs Monaten mit WIE begonnen hatten, wußten wir, daß wir mit jemandem sprechen wollten, der zu den Themen: Frauen in den religiösen Traditionen und die Rolle der geschlechtlichen Identität auf dem geistigen Weg, eine ausgeprägt feministische Position vertreten würde. Wir fanden bald, daß, während auf diesem Feld während der letzten dreißig Jahre sehr viel bedeutende Forschung gemacht worden ist, alle Wege zu Mary Daly führen, wenn man mit jemandem sprechen will, der mit unbeirrbarer Leidenschaft die Befreiung der Frau aus den Begrenzungen der patriarchalen Institutionen und mit unerschrockenem Eifer die Verwirklichung einer spirituellen weiblichen Weltsicht verfolgt.

Die radikale Art von Daly's Werk verändert grundlegend das Bewußtsein vom Patriarchat und versucht anzugraben, was es an seinem Platz hält - und was so feststeht und für so selbstverständlich gehalten wird, daß man es, bevor man darauf stößt, meist nicht infrage stellt. Sie spricht das Unausgesprochene, katalogisiert mit der Schärfe eines Rasiermessers und der Wucht eines Güterzuges die Geschichte der ritualisierten Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen und stellt Ursachen-Beziehungen her zu patriarchalen Religionen und zu Göttern mit männlichen Namen und männlichen Gesichtern. Sie wurde gelobt als Zerstörerin patriarchaler Bewußtseinsschranken, sie ist vorgedrungen zu den Strukturen von Sprache, Denken und Vorstellung; sie zieht Schleier auf Schleier hinweg; sie konfrontiert, erschüttert, inspiriert - und verlangt, daß die Ergebnisse, die sie gewinnt, [?]. "Ich bin zur Einsicht gelangt, daß alle sogenannten großen Religionen", schreibt sie, "vom Buddhismus und Hinduismus zum Islam, Judentum und Christentum, wie auch säkulare Abkömmlinge wie Freudismus, Jungismus, Marxismus und Maoismus - bloße Sekten, Infrastrukturen vom Gebäude des Patriarchats sind...Diese Enthüllung geht weiter, unterschwellig, inspiriert meine Stimmung und schürt die Feuer meines Zorns nicht bloß gegen die Katholische Kirche und alle anderen Religionen, sondern auch gegen Alles, was Frauen abstumpft und kleinmacht. Es ruft aus mir die Botschaft an alle Frauen in meiner Hörweite: Rede davon ! Lacht ihre pompösen penishaften Prozessionen aus ! Dreht ihre Kehrseiten um ! Deckt ihre "Mysterien" auf ! Brecht ihre Tabus ! Spinnt Teppiche aus eurer eigenen Herstellung ! Sündigt im großen Stil !"

Ich war naiv genug, zu glauben, daß Daly, wenn ich sie erst einmal wegen einem Interview kontaktierte, begierig auf eine Plattform sein würde, um ihre Ansichten in einem angesehenen spirituellen Magazin, daß sich dem Genderthema widmet, auszudrücken. Ich hätte mich nicht noch mehr irren können. Wenn sie das Wort "Erleuchtung" auf dem Rücken eines Buches sah, daß ich ihr gesandt hatte - und noch schlimmer, wenn sie eine Fotografie vom Dalai Lama sah -, erkannte sie darin sofort ein Rad im Getriebe des Patriarchats und wollte nichts mit uns zu tun haben. Außerdem beinhaltet die Gender-Idee das Wort "Mann" - ein Wort, das sie aufs Äußerste verabscheut -, und auch das Wort "spirituell" ist für sie eine weitere Falle der patriarchalen Ideologien, die sie längst überwunden hat. Aber nach zahlreichen Telefonaten, in denen ich mich für unsere Sache einsetzte, ließ sie sich erweichen, teils wegen meiner Hartnäckigkeit und teils weil sie wußte, daß ich von der Lektüre ihrer Bücher angetan war; sie witterte in mir eine unerfahrene Feministin, die vielleicht "gerettet" werden könnte.

Als ich Daly endlich persönlich in ihrer kleinen, vollgestopften Wohnung nahe dem Boston College traf - Bretter, Tische, Haare zusammengewürfelt mit Büchern, radikalfeministischen Manifesten und revolutionären Postern an den Wänden -, traf ich eine Frau, die genau die radikalfeministische Separatistin ist, als die sie berühmt ist. Heftig, ungebunden durch Konvention und bereit, alles für ihre Mission zu riskieren, ist sie eine Frau, die mit ihren Ideen so weitgegangen ist, daß sie die Welt, wie wir sie kennen, wirklich verlassen zu haben scheint. Indem sie sich zutiefst mit ihrem Frausein identifiziert, mit distinkt weiblichem Erleben, strebt sie danach, eine "andere Wirklichkeit" herbeizurufen und eine "Heimat für Frauen, die sich als Frauen identifizieren", zu schaffen.

Aufgeregt wegen der Gelegenheit, endlich mit ihr sprechen zu können, kam ich bewaffnet mit herausfordernden Fragen, die provokativ sein mußten und sicher Licht auf das schwierige Gebiet verbreiten würden, wo sich geistige Befreiung und Frauen-Befreiung begegnen würden, oder auch nicht. Ich war also sehr neugierig, ob sie wirklich, wie es nach ihren Büchern schien, glaubte, daß die Ursache für jedes Problem in der Welt, sowohl innen als außen, das teuflische Patriarchat ist, oder, in anderen Worten, der Mann.

Wenn man als Frau auf Mary Daly trifft, ist es, wie eine Muse oder Sirene zu treffen, die einem zuwinkt, durch die Nebel der Zeit zu gehen bis zu einer verzauberten gynozentrischen anderen Wirklichkeit, einem Avalon in einer rein weiblichen Machart. Wenn Sie aber ein Mann sind...dann halten Sie sich fest !

Für Mary Daly gibt es dennoch, mit siebzig Jahren, eine Labrys(Doppelaxt)-führende Naturkraft, die nicht ruhen will, bis die Welt, wie wir sie kennen, zugrunde geht. Wie sie in ihrer philosophischen Autobiografie schreibt: "Es gibt und wird geben jene, die denken, ich bin über Bord gegangen. Laßt sie in dem Glauben, daß diese Einschätzung richtig ist, wahrscheinlich sogar ihre wildesten Vorstellungen übersteigt, und daß ich so weitermachen werde."

 


Interview

WIE: In dieser Ausgabe unseres Magazins beschäftigen wir uns mit der geschlechtlichen Identität mit Bezug zur spirituellen Verwirklichung oder Erleuchtung. Wir sprechen mit vielen Leuten, die sehr verschiedene Ansichten zu diesem Thema haben, und wir waren sehr begierig, mit Ihnen zu sprechen, denn Sie sind eine der radikalsten und unverblümtesten Feministinnen, die heute leben, und ebenso eine visionäre Theologin.

Mary Daly: Also, ich würde niemals ein Magazin oder ein Zeitung mit diesem Thema machen. Das ist irgendwie merkwürdig. Ich will Sie auch nicht widerlegen, aber was mich dabei befremdet, ist, daß es eine patriarchale Mode ist. Einfach so zusprechen von der "geschlechtlichen Identität" - was zum Teufel ist denn das ?

WIE: Das ist es, was wir gerne erfahren würden.

MD: Nun, von mir aus. Mich interessiert das wirklich nicht. Ich bin eine Frau. Ich weiß das. Niemand wird mich eines anderen belehren.

WIE: Was ist Ihr Kozept der spirituellen Befreiung ?

MD: Das ist kein Ausdruck, den ich je benutzt habe.

WIE: Eine andere Möglichkeit ist, über die spirituelle Suche zu sprechen.

MD: Radikale Feministinnen, die mit mir reden, stellen mir Fragen in meiner Sprache. Sie aber fragen mich: "Was ist ihr Konzept von...?" Also, ich habe kein Konzept darüber, denn ich bin nicht einer von Ihnen. Vor ein paar Jahren war ein Punkt, wo ich aufgehört habe, das Wort "spirituell" zu benutzen.

WIE: Warum ?

MD: Weil es so sehr nach einer Dichotomie von Leib und Seele klingt. Und wenn ich tatsächlich von Geist und Materie spreche, verbinde ich sie: "Geist-Materie", aus dem Grund, daß ich nicht gerne zweiteile. Ich glaube, daß Materie äußerst lebendig und im wahrsten Sinne geistig ist. Und darum tut's das "spirituell" nicht, denn es scheint diesen Ballast der Zweiteilung mit sich zu führen. Darum benutze ich, wenn immer möglich, das Wort "elemental". Mit "elemental" meine ich vielerlei; die vier Elemente: Erde, Luft, Feuer, Wasser - aber ebenso den Äther. Und in der antiken griechischen Philosophie wurden die ersten Laute des Alphabets Elementale genannt, und Engel waren Elementale. Und auch das Universum, die Erde, Sterne, Planeten und die Sonnen wurden Elemente genannt, oder "stoicheia". Das ist ein weites Gebiet. Mein Werk folgt dieser Tradition des Verbindens - Erkennen und Handeln, Meinen und Verwirklichen, unsere Verbindung mit dem Universum. Darum ist das Wort, mit dem ich gewöhnlich die höchste Wirklichkeit bezeichne - ich will nicht sagen "Gott", der ist tot - ist "das Universum". Ich will sagen "Geist", aber damit meine ich ein Prinzip des Lebens, somit alles Seins, einschließlich Gestein. Und ich habe gesagt Buchstabe "B", Be-ing, um das Wort Gott zu ersetzen.

WIE: Können Sie das ein bißchen näher erläutern ?

MD: Vor tausend Jahren, als ich die damals übliche scholastische Philosophie studierte, wurde Gott als das "höchste Sein" bezeichnet. Und das machte aus ihm ein Substantiv und etwas in der Höhe. Hierarchisch. Jahwe. Die haarige Pfote kam nieder. Und das ist offensichtlich unbefriedigend. Das ist immer mit Vorstellungen verknüpft, die nicht wünschenswert sind. Dann erkannte ich mit Hilfe eines Freundes von mir, Nelle Morton, daß "being" ein Verb ist, und daß es zusammengesetzt ist [be-ing]. Wenn du das tust, dann verändert sich Alles. Ich würde also sagen, daß das Universum ein Verb ist. Es gibt weitere Möglichkeiten, diese letzte / innerste Wirklichkeit zu beschreiben. Es ist eine Art von Existenz, in welcher wir unsere Verbundenheit auf verschiedenen Wegen tief verwirklichen und aktualisieren. Es ist Be-ing, Buchstabe "B", aber verstanden als leuchtend, freudig, was Aristoteles die Sphärenharmonie nannte; es stellt einen Aspekt von Ganzheit dar, Ganzheit jenseits von Ganzheit. Ich denke, es ist außerhalb von spirituell. Ich meine, meine Katze würde für eine "spirituelle Befreiung" nicht in Betracht kommen; sie ist ganz Geist, sie ist absolut be-geistet. In den siebziger Jahren pflegte ich von der Frauenbewegung als einer "spirituellen Revolution" zu sprechen, und das ist besser als "Befreiung" für mich. Aber dann ließ ich auch das fallen und ging weiter.

WIE: Es klingt wie die Vorstellung, die Sie beschreiben als eine Empfänglichkeit für und eine Verbundenheit mit der Lebenskraft oder -anwesenheit in allen Dingen, belebten und unbelebten.

MD: Ja, und es ist die Erkenntnis unserer Verbundenheit mit dem ganzen Universum - Mikrokosmos und Makrokosmos. Wir müssen nicht unbedingt alles darüber wissen - darauf kommt es nicht an -, sondern es ist ein Gefühl des Strebens nach Verbundenheit und der damit verbundenen Freude. Ich schaue auf den Sonnenuntergang hier, oder Natur-Erlebnisse, ästhetische Erlebnisse, und Erlebnisse des Schöpferischseins, und an der Kraft zum Kämpfen, überwältigende Furcht.

WIE: Glauben Sie, daß es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Fähigkeiten gibt, das, worüber Sie gesprochen haben, zu verstehen und zu erfassen ?

MD: Okay...Ich könnte Ihnen irgendeine Antwort geben, aber es ist nicht die Art von Frage, die mich interessiert, denn ich denke nicht über Männer nach. Sie sind mir gleichgültig. Ich beschäftige mich mit weiblichen Fähigkeiten, welche im Patriarchat unendlich verkannt worden sind. Nicht, daß sie verschwunden wären, aber sie sind unterschwellig gemacht worden. Ich befasse mich mit Frauen, die unsere Fähigkeiten erweitern und verwirklichen. Dafür verwende ich alle meine Energie. Ich bin nicht an den Unterschieden zwischen Frauen und Männern interessiert. Ich bin wirklich total uninteressiert an den männlichen Fähigkeiten. Wenn Sie meine Bücher gelesen haben, könnten Sie gemerkt haben, daß ich über ihre Fähigkeiten nicht rede. Sie reden ständig darüber, und sie versuchen, es einzubeziehen: "Oh, ja, ihr seid auch inbegriffen."

Aber ich spreche von etwas anderem. Ich versuche, etwas zu benennen, das nur von Frauen erkannt werden kann, welche unsere Kraft wieder ergreifen. Aber die Worte sind uns gestohlen worden - obwohl es ursprünglich vielleicht unsere Worte waren -, es sind unsere Worte, aber sie sind umgedreht und sinnentstellt worden. Ich sehe mich selbst als einen Piraten, der das, was uns gestohlen wurde, zurückerobert. Aber es ist nicht einfach nur gestohlen worden; es ist gestohlen und entstellt worden. Zum Beispiel ist die christliche Trinität die umgekehrte weibliche Gottheit. Die Trinität ist angemessen beschrieben als ein geschlossenes Dreieck. Das geht nicht anders. Es ist Klon-heit.

WIE: Was meinen Sie mit "Klon-heit" ["clonehood"] ?

MD: "Der Vater, Sohn und Heiliger Geist, die drei Männer bewundere ich am meisten..." In der katholischen oder mittelaterlichen Theologie zeugt der Vater den Sohn, und der Sohn und der Vater zusammen "hauchen" den Heiligen Geist. Das ist Thomistische Terminologie. Sie sind himmlisch, und obwohl es diese Illusion von Aktivität gibt, geschieht nichts. Es ist gänzlich männlich in seiner Erstarrung und gänzlich männlich in seiner Wiederholung des Gleichen. Darum ist es nicht überraschend für mich, daß sie schließlich soweit gehen würden, in ihrer Zerstörung der Erde und aller Lebewesen, zu klonen. Denn Gleichheit, Eintönigkeit ist der Name des Patriarchats; es ist der Name des Spiels.

WIE: Sie sehen das Klonen als ein Produkt des Patriarchats ?

MD: Es ist das Ausleben des patriarchalen Mythos. Sie leben ihn aus über ihre Technologie wie auch über ihre Religion, ihre Kunst, ihre sozialen Strukturen, ihre Wirtschaftsordnungen und ihre Kriege. Es ist immer Dasselbe. Ihre Kriege sind dieselben. Es ist immer wieder Dasselbe. "Ihre großen Knarren loswerden", wie Valerie Solanas sagte.

WIE: Auch wenn ich verstehe, daß dies für Sie im Brennpunkt steht, würde ich gerne auf die Frage des Unterschiedes weiblicher und männlicher Methoden zurückkommen -

MD: Sie wissen, ich meine nicht, unfreundlich zu sein, aber wir kommen aus verschiedenen Welten. Ich wurde erzogen in der Welt des Denkens, gemäß einem gewissen christlichen oder westlichen Weg, aber ich will nicht in ein Gespräch über diesen Weg hineigezogen werden, denn ich habe damit nichts zu tun, und es ärgert mich. Was ich liebe ist die Art wie Frauen denken. Und was so wertvoll ist an meinem Platz am Boston College, das ist der Frauen-Platz. Wenn Sie einen Lehrer und Studenten nehmen, die wirklich mit Frauen zusammen sein wollen und wir nehmen uns die Zeit und lesen philosophische Werke und Literatur von Frauen, dann fangen sie an, wie diese selbst zu denken. Sie fühlen sich wie wenn sie nach Hause zurückgekehrt wären. Und das ist die wahre Grundlage des Radikalfeminismus. Wenn uns also unser Raum genommen wird, was seitens des Boston College gerade versucht wird, dann ist die Möglichkeit dieser Art von, ich will es nicht Dialog nennen, diese Art von Spinn-Gespräch, von vergleichenden Erfahrungen. Es ist kein Debattieren, das wäre Männersache. Etwas Neues fängt an zu geschehen, und das ist, warum neue Worte vorkommen: weil die alte Sprache, die patriarchale Sprache, keine Worte enthält, die geeignet sind, das weibliche Erleben zu beschreiben. Und das ist erregend. Ich spreche über die weibliche Elemental-Erfahrung.

Ich war erzogen in der patriarchalen Art des Denkens. Ich verbrachte Jahre in der Schule und erklomm immer neue Stufen. In Freiburg war ich mit allen meinen männlichen Studenten: zweihundert Seminarteilnehmer und Priester und ich. Ich weiß, wie sie denken, und ich verabscheue das.

WIE: Würden Sie also sagen, daß Frauen von ihrer Natur her eine größere Fähigkeit haben, die Verbundenheit mit dem Universum, von der Sie gesprochen haben, zu leben ?

MD: Vergleiche mit Männern kommen für mich nicht in Betracht. Ich denke, daß Frauen eine größere Fähigkeit haben, diese Verbundenheit zu leben. Ich habe das nicht bei Männern gesehen. Ausnahmen mag es geben, aber ich bin nicht daran interessiert.

In den frühen Siebzigern schrieb Susan Griffin ein Buch mit dem Titel Frau und Natur: Das Brausen in ihr, und es ging gänzlich um die Verbundenheit zwischen Frau und Natur. Und ich habe das immer für mich unterstrichen. Aber eines der schrecklichen, selbst-zensierenden und zerstörerischen Ereignisse, welches innerhalb der Frauen-Studien und der sogenannten Frauen-Gemeinschaft geschah - und ich bin sicher, daß es von einem fremden Ursprung ausging - war, daß eine Frau, die gesagt hatte, daß Frauen eine besondere Verbindung zur Natur haben, oder daß es etwas wie eine "weibliche Natur" gibt, als "Essentialistin" bezeichnet wurde; und war das "Schlimmste", was überhaupt gesagt werden kann. Ich wurde angeklagt, eine Essentialistin zu sein, und so ein Anderer [...].

Aber ich will auch ins Feld führen, daß es die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, seien sie nun angeboren oder nicht, tatsächlich gibt, selbst nach tausenden Jahren der Konditionierung. Natürlich denke ich, daß sie angeboren sind. Doch selbst, wenn sie kulturell begründet wären, so ist es Tatsache, daß dies der Weg ist, den du gehen mußt, wenn du biophil bist. Worauf ich hinaus will ist der Krieg zwischen Biophilie und Nekrophilie. Es handelt sich um Liebe zum Leben gegen Haß auf das Leben. Nekrophilie heißt, wörtlich übersetzt, Liebe zum Tod, oder den Toten lieben - gegenwärtig Leichname f-[ick]en. Und verallgemeinert ist patriarchale Kultur nekrophil, festgelegt auf Haß auf das Leben und Liebe zum Tod.

WIE: Das hört sich an wie wenn Sie die männliche Ausdrucksweise als nekrophil definieren und die weibliche als biophil. Das ist eine ziemlich extreme Unterscheidung.

MD: Sehen Sie mal die Nachrichten und sehen Sie was läuft. Kosovo - tun Frauen soetwas ? Sehen Sie irgendwohin; es ist so allgegenwärtig, daß es lächerlich ist, wenn einer es nicht sieht. Wieviele Frauen vergewaltigen ? Ich erzählte Ihnen gerade, daß, wenn ich es vereinfachend sage, jeder will mir was, weil ich eine Essenzialistin sei. Darum ist mein Buchtitel "Quintessenz" gewissermaßen ein Witztitel. Ich verstehe ihn genau als das was er ist. Aber darum kann ich immer sagen, "Ah, ich bin keine Essenzialistin, ich bin eine Quintessenzialistin" - ich bin schlimmer als Sie sich jemals vorstellen könnten !

WIE: Was denken Sie über die Idee, daß Jemand zuerst ein Mensch oder ein geistiges Wesen ist, und dann geschieht es ihm, daß er männlich oder weiblich wird ?

MD: "Mensch", das habe ich lange schon hinter mir. Nein. Absolut nein. Das ist mir fremd. Ich bin darüber hinaus. Ich bin da gewesen. Ich habe darüber nachgedacht.

WIE: Wie meinen Sie sind die Grenzen dieser Art zu denken ?

MD: Ich schrieb über menschliche Wesen in Die Kirche und das Zweite Geschlecht, erschienen 1968. Ich wollte "menschliche Wesen" befreien, und ich fand heraus, daß die ganze Sache irreführend war; denn darin ist eine falsche Voraussetzung, wie wenn eine größere Ähnlichkeit als Unterschiedlichkeit bestünde zwischen Frauen und Männern. Lassen Sie mich versuchen, es in einer geeigneteren Weise auszudrücken. Wenn wir in einer gynozentrischen Gesellschaft lebten, würde es zunächst nicht matriarchal sein; es würde nicht sein wie ein Patriarchat mit einer großen Mama an der Spitze anstatt eines großen Papas. Es würde völlig verschieden sein, und ich glaube, das es einmal war, bevor das Patriarchat kam - dieser Teufel. Und Männer würden auch verschieden sein. Sie würden nicht sozialisiert sein in diesem - angenommen, daß sie darin sozialisiert worden sind und sie nicht alle Mutanten sind - sie würden anders sein, weil die weibliche Sichtweise, ich will nicht sagen "dominant", weil das ein patriarchales Wort ist, aber es würde alles-durchdringend sein. Und Sie treffen solche Männer - ganz glaube ich es niemals - aber Sie treffen sie. Einige sind weniger gefärbt von der patriarchalen Mode.

Wenn ich das im Kopf habe und schon so einigermaßen in der Zukunft lebe, einer archaischen Zukunft, die in einer tiefen Vergangenheit wurzelt, dann habe ich einen Sinn für Identität, der/die in dieser Ausdrucksweise nicht leicht zu beschreiben ist. Fragen dieser Art sind immer zu kraus. Sie scheinen sehr logisch, aber sie sind es nicht. Meiner Meinung nach sind sie es nicht. Ich würde niemals fragen, was Identität primär ist. In der Vergangenheit löste ich mich irgendwie von "ein Mensch sein, dem es geschieht, weiblich zu sein." Aber ich glaubte niemals wirklich "geschieht es zu sein", denn im Herzen meines Seins bin ich weiblich. Ich weiß wer ich bin, und darum konnte ich nichts anders sein als eine radikale Feministin, sobald diese Idee in mir vorhanden war.

Sie hören, was ich selbst als eine sehr einfache Reihe von Ideen ansehe, und fragen mich, was ich über diese Ideen vor zwanzig oder dreißig Jahren gedacht haben könnte. Sehen Sie, "Mensch" sagt mir wirklich nicht viel. Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen vermitteln kann oder nicht, aber ich bin keine Angehörige einer Klasse, die "Mensch" genannt wird. Es gibt eine ungeheure Einzigartigkeit, aber diese Einzigartigkeit taucht nur auf, wenn man eine vorherrschend weibliche Seinsart hat, die gleichzeitig verwegen ist, kraftvoll ausbrechend aus der patriarchalen Art des Denkens. Daher, nein, ich empfinde mich gar nicht als ein Mensch. Ich hasse die "menschliche Spezies" - sehen Sie das ! Ich hasse was sie auf dieser Erde tut: die Eroberung von Allem. Die letzten beiden Grenzen sind die noch unerforschte Genetik und die Weite des Weltalls; alles andere haben sie kolonisiert. Es ist eine total erobernde Mentalität - vergewaltigend. Das ist fremdartig [alien], und insofern ich etwas davon in mir aufgenommen habe, macht es mich traurig. Ich bin damit kontaminiert. Wir alle sind es. Aber ich versuche, es nicht zu sein, und mit jedem Schritt versuche ich schließlich biophil zu sein; was auch nötig ist, um aus der menschlichen Spezies auszubrechen.

WIE: In Ihrem Buch über Gott den Vater stellen Sie das Bild vom männlichen Gott in Frage. Sie schreiben: "Das biblische und volkstümliche Bild von Gott als eines Patriarchen im Himmel, der unergründlich und willkürlich belohnt und bestraft, hat die Vorstellung von Millionen über tausende von Jahren bestimmt. Das Symbol vom Vatergott, das in der menschlichen Vorstellung ausgebrütet und im Patriarchat aufrechterhalten wurde, hat wiederum dieser Gesellschaft gedient, die Bereitstellung von Unterdrückungsmechanismen gegen die Frau richtig und angemessen erscheinen zu lassen. Wenn Gott in "seinem" Himmel ein Vater ist, der "sein" Volk leitet, dann liegt es in der "Natur" der Dinge und entspricht dem göttlichen Plan und der Weltordnung, daß die Gesellschaft männlich bestimmt ist." Ihre Ablehnung des Bildes vom männlichen Gott hat ohne Zweifel viele Menschen die Idee vom Gott mit dem männlichen Antlitz fragwürdig werden lassen und dieses Bild in unseren sozialen, politischen und kulturellen Strukturen beschädigt. Jetzt haben viele Feministen darauf geantwortet mit einem Austausch des Wortes "Gott" in "Göttin", und mit einem Austausch des Bildes vom Vatergott durch das Bild einer Muttergöttin. Sam Keen, Autor von "Fire in the Belly: On Being a Man", den wir ebenso interviewten für diese Ausgabe unseres Magazins, sagte, daß wir nicht zu einer spirituellen Reise kommen, wenn wir über die geschlechtlichen Attribute für Gott nicht hinauskommen. Was in der Welt könnte es möglicherweise meinen zu sagen "Mutter" Natur ? Was ist mütterlich an ihr anstatt väterlich oder brüderlich ?" Während er einerseits sagte, daß er ihr Werk der Enthüllung vom Gottesbild als Vater schätzt, sagte er ebenfalls, "ich denke, Mary Daly sollte gegenüber der Muttergöttin so kritisch sein wie sie gegenüber dem Begriff vom Vatergott gewesen ist." Was meinen Sie dazu ?

MD: Sehen Sie, es ist mir egal, was Sam Keen denkt. Verstehen Sie ? Wenn das arrogant klingt, von mir aus. Wie kann ich ernstnehmen, was er denkt ? Er verdient es nicht.

WIE: Richtig. Gut, ich frage nicht so genau wegen ihm persönlich, sondern wegen der Idee, daß geschlechtlich bezeichnete Gottesbilder - männlich oder weiblich - letztlich begrenzt sind.

MD: Gut, sie ist nicht völlig angemessen, weil sie unterstellt, daß es überall im Universum zwei Geschlechter gibt. Es gibt die Modellvorstellungen der Wirklichkeit, und ich weiß nicht, ob es hundert Geschlechter gibt oder ob Sexualität in einem anderen System als unserem Sonnensystem von irgendwelcher Bedeutung ist. Wie kann ich es wissen ? Also ist es begrenzt, aber soweit wir aufgrund von Erfahrung Vorstellungen haben, ist die Frau besser geeignet, über Aufzucht, Liebe und Schöpfung zu reden, und zwar auf jedem Niveau. Und ich habe nicht einmal zu wählen zwischen Zweien; ich meine, das Andere ist keiner weiteren Beachtung wert. Es ist mehr als scheußlich. Darum würde ich das Buch nicht mehr nennen "Jenseits vom Vatergott", ich würde nur sagen "Jenseits von Gott."

Keens Auffassung, abgesehen davon, daß ich mit ihm völlig uneinig bin, ist überholt. Die Patriarchen haben jetzt raffiniertere Arten von Argumenten. Besonders die Postmodernisten: "Ich bin eine Person, die als weiblich bezeichnet ist." Denken Sie, wie dürftig das ist. Sie können nicht einfach sagen, "Ich bin für Frauen. Frauenbefreiung." Es ist "die Befreiung von Personen, die als weiblich bezeichnet sind." Da ist nichts drin, was Ihr Blut rauschen läßt! Da ist keine Kraft drin.

WIE: Wie Sie wissen, wird der Buddhismus im Westen zunehmend populär, besonders unter Männern und Frauen, welche aus verschiedenen Gründen den Ansichten und Strukturen des Christentums gegenüber kritisch eingestellt sind. Viele glauben, daß der Buddhismus mit den modernen humanistischen Idealen besser übereinstimmt. Und der Dalai Lama ist fast universell verehrt für seine Verkörperung dessen, was von Manchen als ausgesprochen "feminine" Qualitäten betrachtet wird - Qualitäten wie Gewaltlosigkeit, Mitleid und Interesse für die Umwelt. Dennoch scheinen interessanterweise eine Anzahl von Äußerungen, die dem Buddha zugeschrieben werden, zu belegen, daß er von der geistigen Überlegenheit des Mannes fest überzeugt war. Das wirkte sehr provozierend auf westliche Frauen, die zum Buddhismus gekommen sind, und ist oft beiseite getan, wenn nicht komplett geleugnet worden. Im Pali Kanon [grundsätzliche buddhistische Schriften] wird vom Buddha berichtet, daß er gesagt habe: "Ananda, wenn Frauen nicht vom Vollkommenen die Erlaubnis zum Vorangehen vom Leben in der Heimatlosigkeit zum Gesetz und Disziplin [Annahme in Buddhas Mönchsorden] erhalten hätten, würde das ganze Leben lange gedauert haben, würde das ganze Leben tausend Jahre gedauert haben. Aber nun, seit Frauen sie erhalten haben, dauert das ganze Leben nur fünf hundert Jahre. Gerade so wie wenn der graue Mehltau auf das Feld des reifenden Reis fällt, das Feld des reifenden Reis nicht lange dauert - so dauert auch das ganze Leben nicht lange im Gesetz und in der Disziplin, für welche Frauen das Vorangehen erhalten."

MD: Das ist bloß das alte Lied in einer anderen Sprache: "Frauen beschmutzen."

WIE: Meine Frage ist: Wie, glauben Sie, konnte Gautama Buddha zu einer solch extremen Position kommen hinsichtlich der Hälfte der Menschheit ? Was würden Sie zu einer westlichen Buddhistin sagen, die mit der offensichtlichen Unvereinbarkeit eines so erleuchteten Wesens und einer dermaßen frauenfeindlichen Einstellung ringt?

MD: Wie ich in Gyn/Ecology schrieb: alle patriarchalen Religionen sind patriarchal - richtig ? Sie nehmen verschiedene Formen an. Was ich denken würde ? Es gibt nichts darüber zu denken. Es hat eine andere Form - wahrscheinlich verführerisch, weil das Christentum so offenkundig kriegerisch und schlimm ist.Und außerdem, ich weiß nicht, was "erleuchtet" bedeutet. Es ist kein Wort aus meinem Vokabular. Dies ist wie eine Christin, die außer sich ist wegen etwas, das Paulus sagte, obwohl sie natürlich weiß, daß er ein Arschloch ist. Er ist mehr so ein sehr machohaftes Arschloch, das als Heiliger und Erleuchteter beschrieben wird, und einmal machst du damit Schluß. Du siehst es als das was es ist und du fragst dich nicht mehr, warum er sowas sagt. Das ist, was er ist. Es ist wirklich äußerst einfach. Hör auf, dich damit rumzuschlagen; es ist uninteressant. Bring es hinter dir. Das wäre meine Methode. Frauenhasser ! Gräßlich ! Alle sie ! Ich habe mich damit befaßt. Und schließlich habe ich nicht versucht, mit irgend jemand darüber zu räsonnieren. Das Boston Collge war sehr erleuchtend für mich. Die Erfahrung der Begeisterung für das Schreiben von Die Kirche und das Zweite Geschlecht brachte mich auf die Idee, daß es zu keiner Veränderung kommt. Es ist der Weg - verlaß ihn.

WI: In den letzten zwei Jahrzehnten hat es ein wachsendes Interesse an vor-patriarchalen Ackerbaugesellschaften gegeben, welche weibliche Gottheiten verehrten. Während es sicher ist, daß diese Gesellschaften egalitärer waren in ihren Ansichten über die Geschlechterrollen, kritisieren manche Leute die gegenwärtige Faszination von diesen Göttinnen-Kulturen als ein Umschreiben der Geschichte, als die Erfindung eines verlorenen Paradieses. Noch mal, Sam Keen schreibt: "Wir müssen die historischen Romantizismen der feministischen Ideologie hinterfragen...Wenn Gott eine Frau war - Isis, Ischtar, Artemis, Diana, Kali, Demeter -, war sie eine schreckliche Mutter, so grausam wie der Vatergott...Wenn die Natur eine Göttin ist, müssen wir ihre dunklen und dämonischen Seiten herausstellen, und nicht bloß ihre nährenden Qualitäten...Sklaverei, Zwangsarbeit, Ungerechtigkeit sind keine modernen oder "patriarchalen" Erfindungen. Was ist Ihre Antwort zu Keens Behauptung, daß das Lob dieser matrifokalen Gesellschaften "historischer Romantizismus" ist?

MD: Zunächst: wenn es nur matrilineal und matrifokal ist, ist es nicht wirklich vor-patriarchal. Vor-patriarchal würde wirklich uralt sein - gynozentrisch. Und so wie er darüber spricht, wie ich es verstehe, ist da schon Patriarchat mit drin. Ich rede von einer wirklich frau-zentrierten Gesellschaft, von der wir keine direkte Überlieferung haben. Aber, wie Monique Wittig sagte, "Wenn du nicht erinnern kannst, dann erfinde." Ein Teil davon muß erschaffen werden, weil die meisten Aufzeichnungen zerstört worden sind. Worüber er spricht, das ist alles ein Zwischenzeitalter.

WIE: Indem Sie auch über das Erfinden eines Bildes von einer idyllischen prähistorischen Kultur sprechen, klingt es, als ob Sie sich nicht mit dem Risiko einer Romantisierung auseinandersetzen.

MD: Welches Risiko ist das ? Ich meine, wir leben in der Hölle. Das wird Hölle genannt. H-Ö-L-L-E-N-Patriarchat. Sehen Sie fern und sehen Sie das Zeug vom Kosovo ? Die ethnische Säuberung, Völkermord - verschwinden in Zügen nach nirgendwo, verhungern und sterben und haben die ausgebombte Scheiße von der NATO. Ist es romantisch, zu versuchen, etwas Besseres zu erinnern als das ? Das ist hier eine Realitäts-Lücke. Wie kann ich es verständlicher machen ? Wir leben in der Hölle und er redet über eine Gefahr der Romantisierung, wenn man sich etwas vorstellt, was eine Hoffnung für eine bessere Zukunft ist ? Ich denke, die Frage kommt von einem nicht genügend tiefen Blick auf den Schrecken der Phallokratie, Penokratie, Jockokratie, Cockokratie, nenn es was immer - Patriarchat. Wenn du den Horror erfährst von dem, was Frauen ständig passiert, dann ist das unerträglich, nicht ? Ständig ! Und eine Menge von dem ist geistiger Terror, spiritueller Terror, zusammen mit dem physischen Schrecken und den Grausamkeiten, die ich im Detail analysiert habe. Dann, wenn du dir dessen plötzlich bewußt bist und es zu auszutreiben wünschst, dann begrüßt, erfordert die Austreibung eine Art von Traum. Der Romantizismus-Vorwurf kommt von einem unbeschwerten Intellekt, der nicht das verzweifelte Bedürfnis nach einem Ausweg sieht aus der Lage, in der wir sind. Und wenn ich spreche, ist es aus Verzweifling; ich weiß es ! Ich weiß, wie Frauenleben sind ! Intuitiv, instinktiv, aus Erfahrung, ich weiß es. Ich mußte nicht erst im Gefängnis sein und meine Genitalien abgeschnitten und die Schrecken erfahren haben, die Frauen jetzt erfahren - ich bin mir dessen existenziell bewußt. Darum habe ich keine Geduld damit.

WIE: Manche Leute sagen, daß es nichts bringt, Männer wegen dem Patriarchat nur zu tadeln. Der Transpersonal-Theoretiker Ken Wilber schreibt in einem Artikel, der mit "Tadle nicht die Männer für das Patriarchat" überschreiben ist: " "Patriarchat" ist ein Wort, das immer ausgesprochen wird mit Verachtung und Abscheu. Die offensichtliche und naive Lösung ist, einfach zu sagen, daß Männer den Frauen das Patriarchat auferlegt haben. Doch leider, es ist keineswegs so einfach...Wenn wir die Standard-Antwort nehmen - daß das Patriarchat den Frauen durch einen Haufen von sadistischen und machthungrigen Männern auferlegt worden ist - dann stecken wir fest zwischen zwei unentrinnbaren Definitionen von Männern und Frauen. Nämlich Männer sind Schweine und Frauen sind Schafe...Aber Männer sind einfach nicht das Schweinchen, und Frauen sind nicht das Schäfchen. Was ich unter anderem versuche...ist die verborgene Kraft aufzuspüren, welche die Frauen gehabt haben, und welche die mannigfaltigen kulturellen Strukturen während der Geschichte, einschließlich des Patriarchats, beeinflußt und mitgestaltet haben. Unter anderem ist es dieses, was die Männer davon befreit, als Deppen, und die Frauen, als getäuscht, gehirngewaschen und führungsbedürftig gekennzeichnet zu werden."

MD: Wenn irgend Etwas auf einem Menschen mit diesem Zustand von Bewußtsein - es ist Mangel an Bewußtsein - wirkt, dann wäre es der Vergleich mit dem Rassismus. Weil das noch unter dem ist, wo er drin ist. Es würde sein, wie wenn man sagt, "Ja, daß dies eine rassistische Gesellschaft ist, ist auch die Schuld der Schwarzen, und du kannst die Weißen nicht tadeln wegen der rassistischen Gesellschaft. Die Anderen müssen da mitgemacht haben." Die Trugschlüsse würden sofort erkennbar, wenn du von diesem Fall sprichst. Also, wenn ich diesen Vergleich ziehe, dann wirkt das, und ich sehe, ob sie dann noch weiterkommen. Du kannst natürlich sagen, daß einige Schwarze da mitgemacht haben, aber das ist schwachsinnig. Das wirkt nicht, obwohl es "Onkel Toms" und alles das gegeben hat. Also das ist die Methode, die ich anwende.

WIE: In ähnlichem Sinne erzählte Sam Keen uns: "Männer und Frauen sind diesbezüglich die ganze Zeit zusammen gewesen...Sobald du eines der Geschlechter tadelst, hast du das andere herabgewürdigt...In Amerika sind Frauen genauso unschädlich für die Welt, wie Männer es sind." Er hat auch geschrieben: "Sollen wir die Frauen von der Komplizenschaft und aktiver Teilhabe an der Umweltzerstörung freisprechen ? Geh zu irgendeiner Einkaufsstraße und beobachte die wahnsinnigen Käufe angesichts der letzten Mode und sonstigen Müll, und sieh das Gebirge an unnötiger Wäsche und Plunder, und zähle die weggeworfenen Artikel von brauchbaren, aber nicht länger modernen Kleidungsstücken und Geräten, und es wird offensichtlich, daß die Weiber so zwanghaft im Konsum sind wie die Männer...Es ist ein existenzieller und moralischer Fehler, alle Schuld auf die Schultern der Männer zu legen...Die Sache ist nicht geschlechtsbezogen. Wir alle haben schmutzige Hände."

MD: Ich kann es nicht fassen. Er ist zu kraß für mich. Es lohnt nicht, darauf zu antworten. Jeder Satz ist voll von Falschheit. Nochmal, es ist, wie man sagt, die Schwarzen ziehen den Nutzen aus Supermärkten von hier und kriegen Sachen, die sie nicht in den afrikanischen Dschungeln und Dörfern haben. So was!

Es ist wahr, daß Feministin sein heute unbedingt auch erfordert, Ökofeministin sein, oder was ich nennen würde "Radikale Elemental-Feministin". Es gibt keine andere Möglichkeit, die Entweihung und die Vernichtung von Tieren und die Gewalt gegen die Natur hinzunehmen, denn was der Natur widerfährt, widerfährt uns; wir sind Schwestern. Aber zu dem "Wahnsinniger-Kaufrausch"-Statement will ich sagen, daß da kein Zusammenhang besteht. Warum sind Frauen so verrückt nach der letzten Mode ? Weil ihr Leben so leer ist und sie keine günstigen Gelegenheiten gehabt haben. Ich kann fortfahren noch und noch mit dem Schaden, der den Frauen unter dem Patriarchat angetan worden ist. Und dann werden Frauen getadelt, weil sie ausgehen und ständig kaufen, aber es bleibt ihnen nichts übrig, wenn ihre Kreativität vernichtet worden ist. Das ist sehr frauenfeindlich, so wie es geschrieben ist.

Es ist nicht so, daß ich nicht wegen der Komplizenschaft von Frauen wütend werde, aber es ist nicht die gleiche Wut. Ich kann so böse werden auf diese Frauen - Frauen, die ihre Schwestern reinlegen. Es passiert ständig auf eine mehr raffinierte Weise, aber ich muß mich immer auf mich selbst besinnen, um zum Ursprung zu gelangen. Es ist ärgerlicher, Frauen zu sehen, die das tun, weil ich glaube, daß sie die innere Fähigkeit haben, etwas Besseres zu tun als das. Aber ich sehe auch, wie sie niedergemacht worden sind, und so gehe ich immer zu den Ursprüngen. Warum sind solche Frauen die einzigen, die Frauen hassen; die alle diese häßlichen Eigenschaften haben, die Frauen im Patriarchat annehmen können ? Ich hasse das auch - Frauen in dieser Verfassung sehen zu müssen, ist häßlich, ist widerlich.

Aber Sie sehen, ich habe großen Respekt vor der inneren Kraft der Frauen, welche weiter reicht, als man ihnen das zutraut. Ich denke eigentlich nicht, daß ich verrückter bin als Sam Keen. Ich denke, viele, viele Frauen sind verrückter als Sam Keen. Eine der typischen Ironien der patriarchalen Gesellschaft ist, daß er eine Stimme bekommen hat, während du herumlaufen und auf der Straße mit einer Menge von hoch intelligenten Frauen sprechen kannst, deren Stimmen nicht gehört werden, und die wissen, daß sie ihnen fehlt. Noch hat er einen "Namen"; das ist das Komische daran. Und für mich zur Ehre, das ist lächerlich. Keine Frau, die wirklich in der Spur ist, würde diese Männer lesen wollen - sie sind langweilig. Ich denke, daß männliche Autoren hervorzuheben in diesem Zusammenhang zwecklos ist. Warum nimmt manche Radikalfeministin nicht Texte und spricht über sie ? Vielleicht schreibst du für die falsche Zuhörerschaft. Schau, versuchen wir denn, das Energieniveau zu heben, Freude in das Leben zu tragen, Biophilie, und die Biophilie zu rmutigen, die in Frauen ist ? Oder versuchen wir, mit diesen Männern in Dialog zu treten ? Was ich versuche, ist, mit Frauen auf dem höchsten Niveau der Vibrationen zu sprechen, die es gibt, und diese kann man hören, kann man fühlen; auf diesem Niveau tut es das. Und dann können sie es ausbreiten über Andere; es gibt einen Wellen-Effekt. Frauen, mein Geschlecht, radikale lesbische Feministinnen - die Frauen, die es kriegen - sind entzückt, ihr Leben bejaht zu haben. Und ich will, daß es diese Freude gibt, weil sie Mut macht und Bewegung nach vorne und Kreativität. Das ist meine Arbeit.

WIE: In Ihrem letzten Buch, "Quintessenz", beschreiben Sie eine utopische Gesellschaft der Zukunft, auf einem Kontinent, der einzig mit Frauen bevölkert ist, wo Zeugung vorkommt durch Parthenogenese, ohne die Teilhabe von Männern. Was ist Ihre Sicht für eine nach-patriarchale Welt ? Ist sie ähnlich mit dem, was in dem Buch beschrieben haben?

MD: Sie können "Quintessence" lesen und einen Eindruck davon erlangen. Es ist eine Beschreibung einer alternativen Zukunft. Es ist teilweise wie ein Entwurf, und teilweise, weil es ein Traum ist. Es könnte viele alternative Zukünfte geben, aber manche der Elemente sind konstant: daß es nur Frauen sein würden; daß es Frauen sein würden, welche die Energie im ganzen Universum erzeugen; daß viel von der Verseuchung, der physischen und der mentalen, damit behandelt worden ist.

Daher ist meine bevorzugte Welt nicht "nach-patriarchal". Sie ist "meta-patriarchal". Das Präfix "meta" hat vier Bedeutungen: etwas umwandelnd, im Hintergrund von etwas, jenseits, oder übersteigend. Es bedeutet nicht nach oder hinter in der linearen Zeit. So können wir jetzt gerade, obwohl das Patriarchat überall um uns herum ist, versuchen, metapatriarchal zu leben. Sie können versuchen, metapatriarchal zu sein, ohne sich allen Regeln und Rollen und Spielen des Patriarchats zu unterwerfen.

WIE: In "Quintessenz" ist Ihr idyllischer Kontinent nur durch Frauen bewohnt, doch der Rest der Welt ist bewohnt von Frauen und Männern.

MD: Ich sagte nicht, wieviele Männer dort sind.

WIE: Was uns zu einer anderen Frage führt, die ich Ihnen stellen wollte. Sally Miller Gearhart schreibt in ihrem Artikel "Die Zukunft - Wenn es eine gibt - Ist weiblich": "Schließlich drei weitere Forderungen zusätzlich zu den Strategien der Umweltschützer, wenn wir eine gewaltlose Welt schaffen und erhalten wollen. 1) Jede Kultur muß jetzt Schritte unrternehmen, damit die Zukunft weiblich wird. 2) Die Verantwortung für den Fortbestand der Menschheit muß in allen Kulturen wieder den Frauen übertragen werden. 3) Der Anteil der Männer muß reduziert und festgeschrieben werden auf etwa zehn Prozent der menschlichen Rasse." Was denken Sie zu dieser Erklärung?

MD: Ich denke, es ist überhaupt keine schlechte Idee. Wenn Leben heißt, auf diesem Planeten zu überleben, dann bedarf es einer Entseuchung dieser Erde. Ich meine, dies wird begleitet werden durch einen evolutionären Prozeß, der zu einer drastischen Reduktion der männlichen Bevölkerung führen wird. Die Leute fürchten zu sagen, diese Art von Zeug noch länger.

WIE: Ja. Ich denke jetzt, daß das ein bißchen schockierend ist.

MD: Gut, es ist schockierend, daß es schockierend ist.

WIE: Also, es klingt nicht wie Ihre Vorstellung von einer abgetrennten Nation für Frauen, die Sie als einen Zwischenzustand sehen , welcher eventuell auf Männer und Frauen hinausläuft, die zusammen in wahrer Gleichheit leben.

MD: Nein. Das ist eine sehr alte Frage. Ich antwortete so gegenüber Zuhörern vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren. Ich denke nicht genau so. Sehen Sie, gerade jetzt würde ich entzückt sein, eine große Gemeinschaft von Frauen zu haben - ob Männer irgendwo außen am Rand sind oder nicht. Ich habe nicht dieses Ziel: "Oh, dann können wir alle wieder zusammen sein !" Das scheint keine sehr viel versprechende Zukunft zu sein. Warum also sollte ich darüber nachdenken ? Ich meine, es ist ganz klar, daß Männer in meinem Denken nicht zentral sind.

WIE: Ich habe eine letzte Frage. Zu Beginn dieses Interviews sprachen Sie über die Erfahrung, tief vereint zu sein mit dem, was alles Leben beseelt. Ich wollte Sie fragen, was Sie über die Möglichkeit denken, vereint zu werden mit dem, wie Einer letztlich ist, der das hat, was wie der letzte bleibende Platz eines Menschen ist, oder Grund sozusagen, und wo des Menschen Geschlecht nicht länger ein primärer Bezugspunkt wäre.

MD: Ich weiß nicht, ob das etwas mit meiner Erfahrung zu tun hat. Ich habe meine eigene Erfahrung von Einheit. Manchmal bin ich in Ekstase und habe eine Art von aktivem Ruhen in Verbindung mit der Natur. Es ist ungeheuer. Aber ich vergesse niemals, daß ich eine Frau bin, denn das bin ich. Ich weiß, wer ich bin. Ich habe weibliche Integrität.

Sexistinnen-Pranger